BURKART Roland
657380 - Einführung in kommunikationswissenschaftliche Theorien,
iG-1.4, VO/UE
1997-03-13 Einführung
1997-04-10
1997-04-17
1997-04-24
1997-05-15
1997-06-05 Funktionale Dimension der Kommunikation,
Wirkungsforschung
1997-06-12 Persuasions- und Konsistenztheorien
1997-06-19
1997-06-26 Prüfung
1997-03-13 Einführung
Prüfungstermine: 26. Juni, 3. Oktober (Freitag!)
Beispiel: "Schlampigkeit" im Journalismus. ==> Wie
können wir erkennen, ob die Medien objektiv berichten? Wie
können es die JournalististInnen erkennen? Tatsachen sind
immer Interpretationen, vorbestimmt durch Vorurteile, Erwartungen,
augenblickliche Situation. (Experiment von Popper)
Konstruktivismus: "Es kann gar keine objektive Berichterstattung
geben, sondern das, was von den Medien berichtet wird, beruht
auf Konstruktionsprozessen, die in den Köpfen der JournalistInnen
produziert werden." Die Ereignisse, die von JournalistInnen
wiedergegeben werden, stammen in den seltensten Fällen aus
ihrer Beobachtung, sondern aus der Öffentlichkeitsarbeit
von Personen/Institutionen, über die berichtet wird.
Nachrichtenwertigkeit:
- Zeit: Dauer, Thematisierung (Etablierung, Einführung
in den Medien)
- Nähe: räumliche, politische, kulturelle, Relevanz
(Grad der Betroffenheit, existentielle Bedeutung des Ereignisses)
- Status: regionale Zentralität, nationale Zentralität,
persönlicher Einfluß, Prominenz
- Dynamik: Überraschung (wichtig allerdings auch: Ist die
Welt noch so, wie gestern?), Eindeutigkeit ("Fakten stimmen")
- Valenz: Konflikt (Grad der Aggressivität), Kriminalität,
Schaden, Erfolg
- Identifikation: Personalisierung (Personen stehen im Mittelpunkt,
Abgrenzung oder Identifikation möglich), Ethnozentrismus
("Österreicher sind nicht unter den Opfern")
- ("Instrumentelle Aktualisierung": Leute beeinflussen
die JournalistInnen, Nachrichten nach ihrem Geschmack zu "kreieren")
==> Einfache Nachrichten werden komplizierten vorgezogen, nach
Identifikationsmöglichkeit absteigend sortiert, Sensationalismus
(negative Sensationen zuerst)
Theorie: "Schlampigkeit" (krasse Mißinterpretation
der Tatsachen) war in Wirklichkeit strukturell bedingt.
Beispiel Hainburg: Nur die Kronen Zeitung berichtete anfangs,
aber fast kampagnenmäßig. Trotzdem ist die Zahl der
BefürworterInnen unter den Kronen-Zeitung-LeserInnen angestiegen.
Interpretation der Kommunikationswissenschaft:
- Agenda-Setting: Wirkung besteht darin, über etwas nachzudenken,
aber nicht unbedingt so zu denken, wie das Medium.
- Mehrstufiger Kommunikationsfluß ==> opinion-leader-Theorie.
Wirkung im persönlichen Gespräch viel stärker,
als Meinungen in Massenmedien.
Programm:
- (selektiver) Überblick über die wichtigsten theoretischen
Erkenntnisse der Publizistik und Kommunikationswissenschaft
- Theorien stellen den Kernbereich der wissenschaftlichen Arbeit
dar
- Inter/Transdisziplinarität
- Wissen über den Gegenstand "Kommunikation"
(Theorie: möglichst allgemeingültige
Zusammenfassung, die auf möglichst vielen Beobachtungen basiert
und nach ordnenden Gesichtspunkten erfaßt ist.)
Literatur:
- Burkart: Kommunikationswissenschaft, Böhler Verlag, 2.
Auflage (HörerInnenschein in der Publizistik und Kommunikationswissenschaft-Bibliothek)
- Langenbucher ua: Studienbuchreihe, Band 8, Kommunikationstheorien
20, 33, 388
1997-04-10
Latzer: Mediamatik
In Österreich 40 % der Menschen in Informationsberufen.
Kommunikation:
- elementare Eigenschaften: Flüchtigkeit
- Merkmale: (Seite 27) kommunikatives Handeln => Intention
[allgemein: MITteilung | speziell: Interesse] => Ziel:
[konstant: Verständigung | variabel: Interessensrealisierung]
- Bestandteile: Kommunikator => Aussage => Medium =>
Rezipient (+ feedback)
Laswell:
| who | Kommunikatorforschung |
| says what | Inhaltsanalyse / Aussagenanalyse |
| in which channel | Medienforschung |
| to whom | Publikumsforschung / Rezipientenforschung
|
| with what effect? | Wirkungsforschung |
(Statisch-lineare Sicht des Kommunikationsvorganges, suggeriert,
daß Kommunikation Einbahnstraße ist; Interessen nicht
erfaßt; Zerstückelung der Massenkommunikationsforschung
in Teilbereiche: z.B. nur Kommunikatorforschung)
- Arten der Kommunikation: (nach Gerhard Maletzke)
- direkt: unmittelbar (face to face)
- indirekt: mittelbar (räumliche, zeitliche, raumzeitliche
Trennung der KommunikationspartnerInnen) (Massenkommunikation
ist indirekt)
- gegenseitige: mit Rollentausch (Zweiwegkommunikation)
- einseitige: ohne Rollentausch (Einwegkommunikation, in der
Regel Massenkommunikation)
Kombinationen: gegenseitig/direkt, gegenseitig/indirekt, einseitig/direkt,
einseitig/indirekt
- private: begrenzter und relativ eindeutig definierbarer EmpfängerInnenkreis
- öffentliche: kein begrenzter und kein eindeutig definierbarer
EmpfängerInnenkreis
Massenkommunikation: Durch technische Hilfsmittel indirekt, einseitig,
öffentlich an ein disperses Publikum vermittelt.
Kommunikation ist
- soziales Verhalten
- kommunikatives Handeln
Menschliche Kommunikation ist
- soziales Handeln (intentional)
- Interaktion: wechselseitiges Inbeziehungtreten
- vermittelter Prozeß (Instanz der Bedeutungsvermittlung
notwendig, "materielle Hülse")
Bedeutung kann erst dadurch Gestalt annehmen. Medium (Primäre:
Mimik, Gestik usw. ("leibgebundene Expressionsmöglichkeit"),
kein Gerät notwendig; sekundäre: Sender braucht ein
Gerät; tertiäre: auf beiden Seiten Gerät notwendig.)
- symbolischer Prozeß
Wenn wir Medien einsetzen, formen wir Zeichen. Zeichen haben eine
materielle Erscheinung, wir ordnen ihnen Bedeutung zu. Sie können
in unterschiedlichen Qualitäten vorliegen. Sie können
auftreten als:
- Signale: Zeichen, das dazu dient, einen Reiz auszulösen
(Gefahr usw.): keine Abstraktion möglich.
- Symbol: Repräsentationszeichen: Abstraktion möglich
(Dinge können vergegenwärtigt werden, obwohl sie nicht
existieren: Wissenschaft, Kunst) Wir reagieren nicht nur auf die
Symbole, sondern wir können sie verstehen.
(Es gibt Zeichen, die gleichzeitig Signale und Symbole sind)
- Definition ist eine Entscheidung darüber, daß
mensch ein bestimmtes sprachliches Zeichen in Zukunft in einer
bestimmter Weise verwenden will. (Definiertes sprachliches Zeichen:
Terminus) Zweck: damit klare Vorstellungen herrschen, Zeitersparung,
da kürzere Zeichen möglich werden.
Arten von Definitionen:
| Realdefinition
wahr/falsch | Nominaldefinition
angemessen/unangemessen (für das Untersuchungsfeld)
|
Vorschlag für die Definition von Kommunikation: symbolisch
vermittelte Interaktion.
Kommunikationswissenschaftliche Theorien
(solche, die von WissenschaftlerInnen verwendet wurden,
um Prognosen zu treffen)
Arten von Kommunikationstheorien:
- Universale Dimension: Was sind die elementaren Kennzeichen
menschlicher Kommunikation?
- Übertragungphänomene
- Wechselseitigkeit
- Umwelt (Situation, Rollen, Positionen)
- Funktionale Dimension: Worin bestehen die Zeile der Kommunikation?
- Folgen, Konsequenzen, Zweck: Kommunikationsinteresse: verschiedene
Ziele werden untersucht (Hauptziel: Beeinflussung; andere: Emanzipation
(= Befreiung von Zwängen), Therapie)
- Gegenständliche Dimension: Welche kommunikative Realitäten
existieren?
- konkrete Prozesse, Objekte (z.B. Massenkommunikation, Public
Relations von Staaten, intrapersonale Kommunikation usw.)
1997-04-17
Universale Dimension
Ansätze:
- Übertragung: K => A => M => R:
- Wechselseitigkeit/Interaktion: Übertragung mit Feedback;
Rollentausch
- Umweltbezogenheit: soziale Realität: K -- A - M -- R
Übertragung
Shannon und Weaver waren Angestellte einer Telephongesellschaft
in den 40erjahren. Sie wollten möglichst viele Signale über
eine Telefonleitung übertragen.
| Nachrichtenquelle | Sender | | |
| Nachrichtenziel |
| | Signal | | empfangenes Signal
| |
| | Störquelle
| | |
Störungen = noise.
Ähnliches Schicksal wie bei der Lasswell-Formel: Nicht für
Kommunikationswissenschaft gedacht.
Informationsbegriff kommt aus der mathematischen Theorie und ist
für die Kommunikationswissenschaft nicht geeignet.
Definition: Information ist Reduktion von Unsicherheit.
Im sozialen Kommunikationsprozeß kann die Informationsmenge
nicht bestimmt werden. Informationsgehalt wird am Verhältnis
Sender-Empfänger festgelegt.
Menschliche Kommunikation ist symbolisch vermittelte Interaktion.
Semiotik: Lehre von den sprachlichen Zeichen.
Zeichen:
- Syntax: befaßt sich mit den Beziehungen zwischen den
Zeichen untereinander (Beistrichregeln usw.).
- Semantik: Beziehungen zwischen Zeichen und außersprachlichen
Objekten (Lexikalische Bedeutung <=> Konnotationen)
- Pragmatik: Regelt die Beziehungen zwischen Zeichen und ZeichenbenützerIn
(z.B. "Ich komme morgen.": Unterschiedliche Bedeutung,
wenn durch unterschiedliche Personen gesagt).
Sprechakt = Sprachliche Handlung.
"Noise" bei Menschen ist keine technische Störung:
Es gibt eine pragmatische, semantische und syntaktische Verschlüsselung
des Signals, und dann eine Entschlüsselung in der umgekehrten
Reihenfolge. Gesellschaftliche Randbedingungen der Kommunikation:
soziale Version von noise.
Einflüsse (sozialwissenschaftliches "noise"):
- Situation: Umstände, unter denen der Informationsprozeß
stattfindet. Rezeption von Inhalten, die medial vermittelt werden,
ist sehr von der Situation abhängig. (Fernsehwerbung!)
- Informationsniveau: Gestaltung der Botschaft (Abstraktion)
<=> Kenntnisse des/r KommunikationspartnerIn.
- emotiver Erlebnishorizont: Gefühle, Emotionen, die mit
dem/r KommunikationspartnerIn oder mit der Botschaft verbunden
sind.
- Interessen: Ziele, die mit der Kommunikationshandlung verbunden
sind (K und R). Medien haben auch Interessen. (Inhaltliche <=>
situationsbezogene Interessen:
Symbolischer Interaktionismus
Sozialwissenschaftliche Theorie, die die Kommunikationswissenschaft
noch heute prägt.
1997-04-24 Symbolischer Interaktionismus
Beispiel: McDonalds wird allgemein mit ungesundem, umweltschädigenden
Essen verbunden (="Bedeutungsdimensionen", Symbole).
Anzeigen sind eine Reaktion darauf.
Ausgangsposition des symbolischen Interaktionismus: Wir leben
nicht nur in einer natürlichen, sondern auch einer symbolischen
Umwelt. Der symbolische Interaktionismus ist eine soziologische
Handlungstheorie, auch Identitätstheorie, gibt auch Auskunft
darüber, wie wir uns selbst sehen, dadurch auch eine Sozialisationstheorie.
(Diese Theorie stammt von George Herbert Mead, der in den 20erjahren
Vorlesungen an der Chicago University gehalten hat. Der Name ist
erst später erfunden worden.)
Positivismus: Handlungstheorie, die besagt, daß wir uns
in der Wissenschaft nur am Empirischen orientieren sollen. Der
symbolische Interaktionismus sollte dieser Theorie widersprechen.
Die Welt, die wir nicht erfahren können, ist uns nur durch
Deutungs- und Interpretationsprozesse zugänglich.
| A => | kommunikatives Handeln
| Medium
Zeichen/Symbole
| kommunikatives Handeln | <= B
|
| | | | |
| Bedeutungsvorrat von A | | Bedeutungsvorrat von B
| |
| | Verständigung
| | |
Die Bedeutungsvorräte überlappen sich nie ganz.
Symbole sind unser einziger Zugang zur Wirklichkeit.
Prämissen des symbolischen Interaktionismus:
- Menschen handeln den "Dingen" ihrer Umwelt gegenüber
auf der Grundlage von Bedeutungen, welche diese Dinge für
sie besitzen.
- Die Bedeutung der Dinge entsteht in sozialen Interaktionen,
die Menschen miteinander eingehen.
- Diese Bedeutungen werden im Rahmen der Auseinandersetzung
mit ebendiesen Dingen in einem interpretativen Prozeß
benützt und auch abgeändert.
Identität im Sinne von "Selbst - Bewußtsein"
entsteht: in starkem Ausmaß durch die Interaktion mit anderen
Menschen
setzt voraus: Fähigkeit zur Übernahme der Rolle eines
anderen bzw. die Rolle des "verallgemeinerten" anderen
einnehmen zu können ("Spiegel-Ich")
Identität/Selbst-Bewußtsein als "soziale Schöpfung"
(wie alle Gegenstände)
Massenmedien
- definieren/interpretieren ("konstruieren") Realität
und
- liefern auch Reaktionen auf diese Realität (= den "verallgemeinerten
Anderen")
als Grundlage zur Identifikation, Projektion, Legitimation...
Der symbolische Interaktionismus hat ganz entscheidende Aspekte
zur Wirkungsforschung geliefert. Die Frage "Wie wirken Medien?"
wurde umgedreht, es wird angenommen, daß die Menschen ganz
unterschiedlich mit den Medienangebote umgehen:
Nutzenansatz (uses and gratifications approach):
- Idee vom "aktiven Publikum"
- Mediennutzung ist aktives und (mehr oder weniger bewußtes)
zielorientiertes Handeln
- Massenmedien und ihre Inhalte = Instanzen der Bedürfnisbefriedigung
- Mediennutzung ist (nur) eine von möglichen Handlungsalternativen
Es gibt natürlich Probleme bei der empirischen Erfassung
der Bedürfnisse und deren Befriedigung.
Mediengratifikationen:
- Ablenkung und Zeitvertreib: Eskapismus, emotionale
Befreiung
- Persönliche Beziehungen: "Para-soziale"
Interaktion (zunehmend Ersatz für persönliche Beziehungen,
z.B. in Printmedien immer mehr Bilder der JournalistInnen), soziale
Nützlichkeit (durch Medienkontakt wird die direkte persönliche
Beziehung gesteuert)
- Persönliche Identität: Identifikation, Projektion
(Wünsche usw.), Legitimation (Probleme kleiner machen, als
sie sind)
- Kontrolle der Umwelt: Information (über die nähere
Umgebung und die "weite Welt"):
(= Theorie der kommunikativen Kompetenz, = Universalpragmatik,
Jürgen Habermas)
Ziel: Entdecken eines (universalen) Regelsystems, das wir Menschen
benützen, wenn wir kommunikativ handeln.
Frage: Was sind die "universalen" Bedingungen von Verständigung?
- Im Mittelpunkt der Analyse steht die Sprache bzw. die sprachliche
Handlung ("Sprechakt").
Frage: Was tun wir, wenn wir sprechen?
- Satz <> Äußerung: letzteres bedeutet die
Einordnung des Satzes in einen Bedeutungszusammenhang.
Äußerung besteht aus
- Gegenständen
- Intersubjektivität
Allgemeine Kommunikationsvoraussetzungen
SprecherIn und HörerIn unterstellen einander
- Sprachfähigkeit (=Grammatik): Fähigkeit, sprachlich
korrekte Sätze zusammenzustellen
- Kommunikationsfähigkeit (=Pragmatik): Fähigkeit,
Sätze sinnvoll in Äußerungen umzuwandeln
- Gültigkeit (wechselseitig erhobener) Ansprüche (=sog.
"Geltungsansprüche"), nämlich
- Verständlichkeit
- Wahrheit (objektive Welt): Beide erkennen an: Ja, das gibt
es.: Gemeinsam wahrgenommene Tatsachen
- Wahrhaftigkeit (subjektive Welt): Intentionen: Absicht, die
Wahrheit zu sagen
- Richtigkeit (soziale Welt): Normen, Situationen: Legitimität,
Angemessenheit
"Verständigung" kommt nur dann zustande, wenn beide
Kommunikationspartner von diesen Voraussetzungen ausgehen.
In der Realität empfinden wir nicht alle Ansprüche als
akzeptabel. In der Alltagskommunikation gibt es einen Reparaturmechanismus
für nicht anerkannte Geltungsansprüche:
"Diskurs": Problematisch gewordenes Einverständnis
wird durch Begründung wiederhergestellt (Reden über
die vorangegangene Kommunikation). ("der zwanglose Zwang
des besseren Argumentes") (kommunikative Theorie der
Demokratie)
Nur die Ebene der Wahrheit und der Richtigkeit können im
Diskurs behandelt werden.
Unterstellung der "idealen Sprechsituation":
- Symmetrie der Chancen, Sprechakte zu wählen
- stets rationale (allgemein begründbare) Wahl
"Kontrafaktisch": Vorwegnahme der Utopie herrschaftsfreier
Kommunikation
1997-05-15
Beispiel Gehaltspyramiden-Diskussion:
- Ewald Stadler, FPÖ: "Mit neuen Gagen an zweiter
Stelle hinter Italien": Zweifel an der Aufrichtigkeit der
Regelung; versteckte Gehaltserhöhung.
- Kostelka, SPÖ: "Es ist unwahr, wenn von einer Scheinlösung
gesprochen wird, denn unterm Strich kommt eine Lösung heraus,
...": Gegenargumente, Wahrheit
- Schwimmer, ÖVP: "Vizekanzler verdient sogar 20.000
weniger": Auch Wahrheitsebene
- Schmidt, LF: "Angemessene Entlohnung nötig, damit
nicht nur Reiche und von der Partei unterstützte PolitikerIn
werden können": Angemessenheit der Kommunikation
- Khol, ÖVP: "Es ist unangemessen, wie wir miteinander
umgehen, vermisse Grundsolidarität unter Abgeordneten":
Metakommunikation
- Schmidt, LF: "Man sieht, was eine Fernsehübertragung
bewirkt"
Kommt es zur Verständigung zwischen PolitikerIn und Publikum?
Publikum wendet sich überwiegend denjenigen Aussagen zu,
die von präferierten PolitikerInnen kommen => selektive
Wahrnehmung. ("Mauer der selektiven Interpretation")
Öffentlichkeitsarbeit: Kommunikationskonzepte werden auf
Defizite der Geltungsansprüche untersucht.
Journalismus sollte sich bemühen, 1. rationale Argumentation
und 2. Symmetrie der Chancen zu gewährleisten.
Umweltbezogenheit
Kommunikation findet nicht nur zwischen zwei Kommunikationspartnern
statt, sondern vor dem Hintergrund einer sozialen Realität.
Systemtheorie
(Literatur: Bd. 8, Ulrich Saxer)
Das Denken in Systemen stammt aus der Biologie. "Das Ganze
ist mehr als die Summe seiner Teile."
Systemtheorien eignen sich für viele Wissenschaftszweige,
deswegen sind sie meistens sehr abstrakt.
Regel: Teile suchen und Beziehungen untersuchen.
Nichtmechanistische Erklärung der Wirklichkeit.
System: "das Zusammengesetzte": Menge von Elementen
mit Beziehungen zwischen diesen Elementen.
Struktur: Beziehungen der Systemelemente zueinander
Funktion: Konsequenz eines Elements/einer Struktur für die
Erreichung des Systemzieles (vgl. "Dysfunktion")
Jedes System besitzt eine "Umwelt": alle Objekte außerhalb
des Systems, die Einfluß auf das System besitzen
Komplexität: mehrere Einflußmöglichkeiten stehen
offen.
Zentrale Funktion (sozialer Systeme): Reduktion von Umweltkomplexität
durch Feedback-gesteuertes Input/Output-Modell
Funktionen der Massenmedien ("Funktion" im erweiterten
Sinne)
| soziale | politische
| ökonomische |
| Informationsfunktion
|
- Sozialisationsfunktion
- soziale Orientierungsfunktion
- Rekreationsfunktion (Unterhaltung, Eskapismus)
- Integrationsfunktion
|
- Herstellen von Öffentlichkeit
- Artikulationsfunktion
- politische Sozialisations- bzw. Bildungsfunktion
- Kritik- und Kontrollfunktion
|
- Zirkulationsfunktion (+ Personalisierung)
- + Wissensvermittlung
- + Sozialtherapie
- + Legitimationshilfe
- regenerative Funktion
- herrschaftliche Funktion
|
Materialistische Theorie
Materialismus: "In der Materie (im sinnlich wahrnehmbaren)
besteht die eigentliche Wirklichkeit".
Die historisch-materialistitische Perspektive von Kommunikation
Gesellschaftstheorie (Marx, Engels, Lenin) der Gesellschaftsentwicklung:
Kommunikation ist eine Folge bestimmter materieller Gegebenheiten.
Die Geräte bestimmen über die Aussage.
Gesellschaft: Gesamtheit praktischer Verhältnisse, welche
Menschen zum Zweck der Produktion ihrer Lebensmittel eingehen
(=ökonomische Verhältnisse)
Materialistisch gewonnenes "kommunikatives Prinzip"
des Marxismus: Keine Produktion ohne Kommunikation - keine
Kommunikation ohne Produktion.
Medien sind nicht nur eine Ansammlung von Menschen, die Funktionen
erfüllen, sondern Unternehmen, die ein Produkt verkaufen
wollen, und die Botschaft daran anpassen.
Die nächste Vorlesung entfällt.
1997-06-05 Funktionale Dimension der Kommunikation,
Wirkungsforschung
Historischer Materialismus
Gesellschaft
= Gesamtheit praktischer Verhältnisse, welche Menschen zum
Zweck der Produktion ihrer Lebensmittel eingehen (=ökonomische
Verhältnisse)
| Produktivkräfte | | |
| >
| Produktionsweise |
| Produktionsverhältnisse | |
|
Klassische materialistische Analyse von Kommunikation
Ausgangspunkt: Kommunikation ist wesentlich ökonomisch vorbestimmt
Ziel: Aufzeigen, in welcher Form die kapitalistische Produktionsweise
den Massenkommunikationsprozeß beeinflußt
Ergebnis: Information wird industriell als "Ware" produziert
und auf einem konkurrierenden Markt abgesetzt (= dem Verwertungsprozeß
des Kapitals unterworfen)
>Ende der universalen Dimension *
Funktionale Dimension
Worin bestehen die Ziele von Kommunikation?
Theoretische Ansätze, die nach den Zielen von Kommunikation
unterscheiden:
| / | Beeinflussung (persuasiver Ansatz)
|
| Ziele von Kommunikation | -- | Emanzipation (pädagogischer Ansatz)
|
| \ | Therapie (therapeutischer Ansatz)
|
Beeinflussung - Wirkungen der Massenkommunikation
Was heißt "Wirkung" der Massenmedien?
- Verhalten / Handeln
- Wissen
- Meinungen / Einstellungen
- Emotionen
oder
- prä - kommunikative Phase (z.B. Tagesablauf an die ZiB
anpassen)
- kommunikative Phase (z.B. die Vorlesung ist fad, also gehe
ich)
- post - kommunikative Phase
oder
- kurzfristige (ca. maximal 6 Wochen, üblicherweise 2-4
Wochen)
- langfristige (kaum bzw. überhaupt nicht untersuchbar)
oder
- beabsichtigte
- unbeabsichtigte
Wirkung ist nicht genau zu definieren. Was wissen wir? (siehe
Band 5 der Studienbücher)
Perspektiven der Wirkungsforschung
| A | ====
| ====> | R
|
| Aussage | | Erleben
Wirkung
| Rezipient |
Stimulusorientierte Perspektive: Wirkung dadurch bedingt,
daß ein bestimmter Kommunikator etwas ganz bestimmtes sagt.
Rezipientenorientierte Perspektive (Nutzentheorie): Es
kommt mehr darauf an, was der Rezipient erwartet.
Medienorientierte Perspektive (sehr neu): Medien stehen
als verursachender Faktor im Vordergrund.
Stimulus-Response-Theorie (1940)
Psychologie.Instinkttheorie + Soziologie.Massengesellschaft
= Stimulus-Response-Theorie
Damals gab es die Auffassung, daß mit einer entsprechend
formulierten Botschaft immer dazupassende Reaktionen ausgelöst
werden können (=> der pawlowsche Hund).
(Allmachtsthese, "Black-Box"-Modell,
"hypodermic needle model" (Injektion unter die Haut),
Behaviorismus)
Lazarsfeld hat in den Vierzigerjahren erkannt, daß das nicht
so einfach ist (hmm. Anm. Balázs). SOR = Stimulus
- Objekt - Response: von den Prädispositionen des Rezipienten
hängt die Wirkung ab.
Unsicherheiten:
- Wirksamkeit der Stimuli
- Persuasionstheorien (Omnipotenzthese: Allmächtigkeit
der Medien)
- Konsistenz/Dissonanz-theorien
- Erreichbarkeit der RezipientInnen
1997-06-12 Persuasions- und Konsistenztheorien
Persuasionsforschung
Frage: Was kann ich an meinem Stimulus verändern, und welche
Wirkung kann ich davon erwarten?
| / | Affekt |
| Einstellungen | -- | Kognition |
| \ | Verhalten |
Einstellung: Tendenz, auf ein Objekt mit bestimmten Gefühlen
(Affekt), Wahrnehmungen und Vorstellungen (Kognition) und Verhaltensweisen
zu reagieren.
Erkenntnisse aus der Persuasionsforschung
- Merkmale der Aussage
- einseitige vs. zweiseitige Argumentation (Persuasion ist bei
skeptischen Personen wirksamer, wenn zweiseitig argumentiert wird)
- Anordnung der Argumente: Reihenfolge von Für und Wider.
Erzeugt erste oder letzte Aussage einen größeren Meinungswandel?
(Primacy - recency - Effekte.) Zielpublikum muß analysiert
werden: Wenn das Interesse am Thema klein ist oder die Argumente
nicht sehr bekannt sind, geht vom ersten Argument eine größere
Wirkung aus. Bei allgemeinem Interesse und Kenntnis zählt
das letzte Argument mehr.
- Explizite vs. implizite Schlußfolgerung: Soll ich am
Schluß meine zentrale Aussage ausdrücklich erwähnen?
Wenn die Leute mit dem Thema vertraut sind, sprechen die Argumente
für sich, und es ist nicht nötig, die Schlußfolgerung
explizit anzuführen.
Bei großem Informationsmangel ist es sinnvoller, ein
Detail zu zeigen, da die Menschen dazu neigen, vom Einzelfall
auf das Allgemeine zu schießen.
- furchterregende Appelle: bedrohliche Situationen scheinen
wirksam zu sein (z.B. Zahn[a|ä]rztIn in der Zahnpastawerbung).
Starker Angstappell "immunisiert", schwache Appelle
wirken nicht so sehr.
- Merkmale der Kommunikationsquelle
- Wie wird meinE KommunikatorIn wahrgenommen?
- Glaubwürdigkeit (Sleeper-Effekt: Wirkung nimmt mit der
Zeit (ca. 6 Wochen) ab!)
- Sachkenntnis
- Vertrauenswürdigkeit
- Attraktivität, Sympathie
- Persönlichkeitsmerkmale des Rezipienten
- Intelligenz (intelligentere Leute sind angeblich schwerer
zu beeinflussen)
- Selbstbild (Leute, die unsicher, von sich weniger überzeugt
sind, können leichter beeinflußt werden)
(umfassendstes Buch: Michael Schenk: Medienwirkungsforschung)
Erkenntnisse aus der Konsistenzforschung über die Wirksamkeit
von Überredungskommunikation besagen:
Menschen tendieren dazu, zwischen ihren Einstellungen und/oder
Verhaltensweisen einen Zustand der Vereinbarkeit (=Konsistenz)
zu erreichen und zu erhalten. Z.B. RaucherIn empfängt die
Botschaft "Rauchen erzeugt Lungenkrebs". Daraus resultiert
ein Spannungszustand.
Spannungszustände, die aus Situationen entstehen, in denen
derartige Elemente NICHT im Gleichgewicht zueinander stehen,
drängen nach Aufhebung.
Spannungsloser Zustand = Kognitives Gleichgewicht
Spannungsgeladener Zustand = Kognitives Ungleichgewicht
Strategien zur Reduktion von Ungleichgewicht im Hinblick
auf
- Informationssuche/Informationsvermeidung (= "selective
exposure" - Hypothese)
- (Um-)Interpretation
- Behalten/Vergessen
1997-06-19
Diffusionstheorien
Sie fragen danach, wie sich die Nachrichten verbreiten:
- Two-Step-Flow of communication (Zwei-Stufen-Modell): Die Medien
erreichen nie alle Menschen, sondern nur einige. Diese Leute ("Opinion-Leader",
MeinungsführerInnen) geben die Nachricht an diejenigen weiter,
die selbst keine Medienangebote wahrnehmen. Die Informationen
verbreiten sich zuerst über die Massenmedien und dann im
Rahmen persönlicher Kommunikation.
- Opinion-Leader:
- Interesse am jeweiligen Thema überdurchschnittlich
- rezipiert themenspezifische Medien(inhalte) häufig
- gilt als ExpertIn (für das jeweilige Thema)
- spricht häufig über das jeweilige Thema
- wird häufig um Rat gefragt
- Opinion-Sharing-Modell: Es gibt Opinion-leader, die miteinander
interagieren und meist unter sich bleiben. Weiters gibt es inaktive
Personen, die nicht mit den Opinion-leadern kommunizieren.
Wichtige Erkenntnis: Wirkungen auf die Handlungsebene resultieren
viel öfter aus persönlichen Kontakten als aus Medienangeboten!
Nutzen-Ansatz (uses and gratifications approach) (rezipientenorientiert)
Kommt aus der Psychologie der menschlichen Bedürfnisse und
der Sozialpsychologie (Symbolische Interaktion).
Wenn
- dieselbe Botschaft
- von vielen verschiedenen Medien
- wochenlang
- nur schlecht nachprüfbar
wiederholt wird, sind auch Stimulus-Response-Modelle anwendbar.
Die RezipientInnen neigen in demokratischen Gesellschaften dazu,
Botschaften, die immer wieder und von allen Seiten kommen, zu
glauben. Beispiele: Verkehrsmeldungen, Wetterbericht, Tschernobil-Berichterstattung.
Medienorientierte Perspektiven
Agenda-Setting-Ansatz
Ausgangspunkt: Die Medien sind in ihren Wirkungen im Hinblick
auf direkte Einstellungs- und Verhaltensbeeinflussung sehr eingeschränkt.
Sie können uns kaum mehr "vorschreiben", WIE wir
denken sollen, aber sie "diktieren" uns sehr wohl, WORÜBER
wir nachzudenken haben.
Auch die KronenZeitung kann die 2,8 Mio. LeserInnen nicht beeinflussen,
aber sie zum Nachdenken bringen.
Thematisierungs- und Themenstrukturierungswirkung der Massenmedien
= Massenmedien bestimmen, was öffentlich zum Thema gemacht
wird. In der Bevölkerung spiegeln sich diese Themen wider.
Zentrale These: Die Themen, welche die Medien in ihrer Berichterstattung
(in quantitativer und qualitativer Hinsicht) besonders hervorheben,
sind auch diejenigen Themen, welche die MedienrezipentInnen für
besonders wichtig halten. Medien bestimmen, WAS auf die "Tagesordnung"
unseres Denkens kommen, sie beeinflussen weit weniger, WIE wir
uns mit diesen Themen auseinandersetzen.
Henne-Ei-Problem: Es könnte auch so sein, daß JournalistInnen
eine besonders gute Nase dafür haben, was "das Volk"
bewegt => die öffentliche Meinung bestimmt die Medien!
Kausalität nicht beweisbar.
Wissenskluft-These (increasing knowledge gap)
Grundannahme: Es gibt einen "kommunikativen Privilegierungszusammenhang":
- Diejenigen, die zu einem Thema "mehr wissen" als
andere, sind besser in der Lage, zusätzliche (themenspezifische)
Informationen aufzunehmen und zu verarbeiten, als jene, die schlechter
informiert sind.
- Bildung als zentrale Variable (?)
Personen auf niedrigem Bildungsniveau können mit dem Informationsangebot
schlechter umgehen, als Personen auf höherem Bildungsniveau.
Die niedriger Gebildeten sind "unterprivilegiert" im
Hinblick auf die Möglichkeit, ihr Wissen anzureichern: sie
werden "overnewsed but underinformed".
Zentrale These
Wenn der Informationsfluß in einem Sozialsystem wächst,
tendieren die Bevölkerungssegmente mit höherem sozioökonomischem
Status und höherer formaler Bildung zu einer rascheren Informationsaneignung
als die status- und bildungsmäßig niedrigeren Segmente,
sodaß die Wissenskluft zwischen diesen Segmenten tendenziell
zu- statt abnimmt.
Langfristige Wirkung der Massenmedien demnach:
Sie spalten die Gesellschaft in
- Informationsreiche (... die immer reicher
werden)
- Informationsarme (... die immer ärmer
werden)
Betroffenheit und Leseverhalten (bzw. Printmediennutzung)
sind die zentralen intervenierenden Variablen.
1997-06-26 Prüfung
Prüfungsfragen
- In den letzten Wochen ist immer wieder davon zu lesen, daß
unser Pensionssystem auf Dauer nicht mehr finanzierbar ist. Erklären
Sie die mögliche Wirkung dieser Botschaft unter Bezugnahme
auf die Dissonanztheorie und nennen Sie drei Möglichkeiten
der Dissonazreduktion seitens der Rezipienten! (Als Antwort gilt:
Nennung der Strategie und themenbezogene Erläuterung) Antwort
- Zeitungsartikel aus dem Standard:
"AUA wird nächstes Jahr privatisiert
Der Bund wird 1998 nicht mehr Mehrheitseigentümer
der Austrian Airlines (AUA) sein. Der Eigentümervertreter
im Aufsichtsrat, Kurt Haslinger, kann sich nicht vorstellen, daß
der Bund bei der geplanten Kapitalerhöhung mitzieht."
Diskutieren Sie den Nachrichtenwert dieser Meldung! Antwort
- Unsere Gesellschaft wird häufig als Informationsgesellschaft
etikettiert. Warum? Geben Sie eine Antwort aus zwei Perspektiven!
- Wer gilt als opinion-leader? Antwort
- Die "Theorie des kommunikativen Handelns" gilt auch
als eine kommunikative Theorie der Demokratie. Begründen
Sie diese Behauptung. Antwort?
- Was versteht man unter dem "Black-Box-Modell"? Antwort
- "Die Aussagen der Massenmedien sind Wirklichkeitsangebote
für die Rezipienten." Interpretieren Sie diese Aussage
kommunikationstheoretisch!
- Wann spricht man von einer Theorie und wozu werden Theorien
überhaupt benötigt? Antwort
© Balázs Bárány.
Quelle: Vorlesung von Prof. Roland Burkart; nicht autorisiert.
zuletzt geändert (JMT):1999-10-01