Die Kommerzialisierung des Internet wird durch das Fehlen eines allgemein akzeptierten und verbreiteten Zahlungsmittels aufgehalten.
Das Internet verringert die Kosten der Übermittlung publizierter Inhalte so stark, daß es üblich ist, die meisten Inhalte gratis anzubieten.
Praktisch alle Sites, die gratis zugänglich sind und Medien ähneln, verwenden Banner-Werbung zur Finanzierung.
Die Werbung wird nur in wenigen Fällen selbst akquiriert: es gibt stattdessen Banner-Netzwerke, die mit den Inhalts-Anbietern Verträge abschließen, die Werbung auf deren Seiten einblenden und z.B. monatlich anhand der vereinbarten Erfolgskriterien (,,Page views'', ,,Click-throughs'') bezahlen.
Banner-Netzwerke sind umstritten, weil sie teilweise in die Privatsphäre der User eingreifen, um bessere Zielgruppenorientierung zu erreichen..
Bannerwerbung ist auf Benutzerseite fast trivial zu umgehen: da die Werbebilder meist vom Banner-Netzwerk und nicht von der Seite des Informationsanbieters stammen, kann die Software sie leicht ignorieren. Natürlich würde es die Finanzierung vieler Gratis-Angebote stark gefährden, wenn solche Methoden sich in großem Maßstab durchsetzen. Dafür gibt es jedoch bis heute keine Anzeichen, obwohl die Werbefilter-Technologie seit mehreren Jahren zur Verfügung steht.
Die Informationsmenge im Web ist so groß, daß es für praktisch alle Inhalte mehrere konkurrierende Anbieter gibt. Die Wahrscheinlichkeit, daß die Konkurrenz nichts kostet, ist groß - abonnement-finanzierte Dienste konnten sich daher nur in Einzelfällen durchsetzen; viel öfter sind sie mit dem Versuch gescheitert und haben auf Werbefinanzierung umgestellt.
Die Chancen stehen vor allem dann gut für die Abo-Finanzierung, wenn es sich um ein bekanntes Medium handelt oder wenn das Angebot tatsächlich einzigartig ist.
Einige Websites, z.B. Slashdot (http://slashdot.org) binden sehr erfolgreich ihr Publikum in die Gestaltung der Inhalte ein; der eigene Input ist verschwindend gering im Vergleich zu den den Reaktionen der BesucherInnen der Webseite.
Finanzierung über den Kapitalmarkt: Internet-bezogene Aktien sind seit ca. 1998 an den Börsen sehr beliebt (auch wenn es im Frühjahr 2000 zu deutlichen Kurskorrekturen nach unten kam). Der Wert der Anteilspapiere ist wegen der Spekulation vielfach überbewertet, er entspricht nicht den realen Erlöspotentialen der Firmen. So ist es z.B. America Online möglich gewesen, Time Warner aufzukaufen. Z.B. Slashdot hat aus dem Börsengang Mittel eingenommen, die den Betrieb der Site für mehrere Jahre vorfinanzieren.
Wenn es (praktisch) nichts mehr kostet, die Werke zu vertreiben, und die Kreativen von ihren Werken überzeugt sind, ist es für sie logisch, diese ohne Einschränkungen zu verbreiten. (Die daraus gewonnene Popularität kann später manchmal finanziell ausgewertet werden.)
Für werbefinanzierte Medien, die ihrer zahlenden Kundschaft (der Werbewirtschaft) ja nur die Aufmerksamkeit und Zeit der KonsumentInnen anbieten können, sind freie Inhalte (eigentlich jede andere Freizeit-Beschäftigung) eine große Bedrohung: die Werbung ist nur an Kontakten interessiert; wenn deren Zahl abnimmt, wird den Medien die Finanzierung entzogen.
Es ist extrem schwierig, am Markt mit freien Inhalten zu konkurrieren. Sie halten sich sozusagen nicht an die Regeln des Marktes. Das führt mittel- oder langfristig zu einer Art Lohndumping: diejenigen setzen sich am Markt durch, die für weniger Geld (oder kein Geld) bereit sind, Inhalte anzubieten. Für Leute, die aus dem Verkauf geistigen Eigentums leben, sind das schwierige Bedingungen, aber sie haben keine Handhabe dagegen.
Freie Texte: Viele Leute möchten ihre Gedanken äußern, werden aber von kommerziellen Publikationsformen wegen fehlender Markttauglichkeit nicht bedient. Mit dem Abnehmen der Verbreitungskosten haben sie Computernetzwerke für ihre Bedürfnisse entdeckt. Klassiker, die nicht mehr urheberrechtlich geschützt sind, stehen zum Beispiel im Projekt Gutenberg (http://gutenberg.aol.de/) zum freien Herunterladen bereit.
WissenschaftlerInnen sind normalerweise daran interessiert, ihre Arbeit der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, das ist ja schließlich der Sinn von Forschung. Wissenschaftliche Verlage leben vom Verkauf solcher Information, sie können aber nur (wie am Buchmarkt) eine bestimmte Menge davon veröffentlichen und verkaufen. Was übrigbleibt, geht heute immer öfter ins Internet, anstatt in einem Archiv zu verschwinden.
Freie Musik: Musik hat als alte, unaufwendige und sehr beliebte Kunstform gute Voraussetzungen für die freie Verbreitung. Berühmte Vertreter einiger Musikrichtungen (z.B. Punk und Rap) haben sich bereits für die freie Verbreitung ihrer Musik ausgesprochen.
Netzwerke wie das Internet wurden geschaffen, um zwischen Computersystemen Informationen zu übertragen. Dabei wird die Information meistens vervielfältigt, d.h. sie verbleibt auf dem Ursprungsrechner, am Zielrechner entsteht eine Kopie.
FTP, File Transfer Protocol: häufig: "Ratio-System": Zuerst etwas hinaufladen, um herunterladen zu können.
Usenet News: Weltweit vervielfältigt, gute Übertragungsraten. Illegale Handlungen können verfolgt werden.
HTTP, Hypertext Transfer Protocol: Häufig Mißbrauch von Gratis-Webdiensten für die Verbreitung urheberrechtlich geschützten Materials.
Napster: seit Mitte 1999 explosionsartig populär geworden, heute mehrere Millionen BenutzerInnen. Einfach zu bedienendes Programm gibt die eigenen MP3-Dateien (Musik) für andere frei und erlaubt den Download von anderen. Derzeit gerichtliche Auseinandersetzungen mit der US-Musikindustrie.
Gnutella: Dezentrales Netzwerk, viel schwerer zu zerstören als Napster.
FreeNet: Absolut dezentral, anonym und sicher. Effiziente Netzwerkübertragung. Macht die Unterdrückung von Inhalten und ihrer Übertragung praktisch unmöglich.
Für digitale Daten (z.B. Texte, Musik, Video) wurde bisher kein Kopierschutzverfahren entwickelt, das nicht gebrochen wurde. Über den eigenen Computer hat der/die BesitzerIn totale Kontrolle; was sichtbar/hörbar gemacht wird, ist mit mehr oder weniger Aufwand auch kopierbar.
Es reicht, wenn weltweit eine Person die Datei kopieren kann - Napster, Freenet usw. erledigen den Rest.
Trusted Clients: Die Industrie wird vermutlich versuchen, "abgesperrte" Geräte ohne Schnittstellen nach Außen in Verkehr zu bringen, um die Bedrohung durch die offene Architektur verbreiteter Computer zu vermeiden.
Erstes Gerät am Markt: e-book-reader. Akzeptanzprobleme; wenig Lesestoff und noch zu teuer.
Trusted Clients können die Gewinne der Inhaltsanbieter vergrößern, weil sie "besseres" Marketing ermöglichen: die KonsumentInnen sind persönlich identifizierbar. Die Hersteller können auch Formatwechsel leichter durchsetzen und damit die selben Inhalte erneut mit optimierten Erlösen verkaufen.
Fair Use (legales Kopieren für eigenen Bedarf), die Benutzung in Bibliotheken und Archiven sowie wissenschaftliche Verwendung werden schwerer bis unmöglich.
Die Software-Industrie führt schon länger "aufklärende" Medienkampagnen gegen das Kopieren; die Musik- und Filmindustrie folgen.
Der Erfolg ist zweifelhaft: die Anziehungskraft der Gratis-Inhalte ist sehr hoch und die Glaubwürdigkeit der Urheber der PR-Maßnahmen eher gering.
Großteil der Verstöße gegen das Urheberrecht im privaten Bereich, dadurch Schwierigkeiten bei der Verfolgung. Gerichtliche Aktionen gegen einen größeren Personenkreis aus Public Relations-Gründen unwahrscheinlich.
Die Lobbies großer Konzerne versuchen routinemäßig, die Rechtssysteme der Länder zu ihren Gunsten zu ändern.
Beispiele: Erweiterung der Geltungsdauer des Urheberrechts in den USA; Gesetze gegen die Umgehung des Kopierschutzes.
Einander widersprechende Untersuchungen über die Folgen des Kopierens.
Das Internet eignet sich sehr gut zur Informationsübermittlung. Das verringert aber die so schon geringe Marktfähigkeit der Medieninhalte. Dadurch verlieren die herkömmlichen kommerziellen Medien Marktanteile an frei zugängliche und kopierbare Inhalte, weil diese sich besser fürs Internet eignen.
Es wird wahrscheinlich immer schwieriger, für Medieninhalte Geld zu verlangen, weil technische und andere Kopierschutzmaßnahmen nur beschränkt bis gar nicht funktionieren. Die Inhalts-Industrie muß mit zunehmenden Umsatzausfällen aus privater und halbprivater Vervielfältigung rechnen. Neu auf den Markt kommende Kreative begeben sich nicht mehr in Abhängigkeit von Vermittlern (Verlagen, Plattenfirmen), sondern nehmen die Distribution in die eigenen Hände. Dadurch sind sie am Markt konkurrenzfähiger, weil sie einen großen Apparat und dessen Gewinne nicht mitfinanzieren müssen. Als Folge werden die Verlage und andere Vermittler an Bedeutung verlieren.
Das alternative Szenario kann nur mit großer Beschränkung der persönlichen Freiheit der MedienkonsumentInnen und starker staatlicher Kooperation zustande kommen: In diesem Fall wären die Erlöse der Industrie zu Ungunsten der Bildung, Wissenschaft und Unterhaltung ärmerer Bevölkerungsteile gesichert.
© Balázs Bárány.
(Homepage)
Zuletzt geändert:
2000-06-28.