609433 Marie-Luise Kiefer: Seminar zum Praxisfeld Medienökonomie, iG-7.3/8.5.3

Einfluß der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien auf die Medienfinanzierung

Balázs Bárány, 9606800

Komplette Online-Version dieser Arbeit: http://tud.at/publizistik/85kiefer-uebarb/

Heutige Finanzierungsstrategien im Internet

Die Kommerzialisierung des Internet wird durch das Fehlen eines allgemein akzeptierten und verbreiteten Zahlungsmittels aufgehalten.

Das Internet verringert die Kosten der Übermittlung publizierter Inhalte so stark, daß es üblich ist, die meisten Inhalte gratis anzubieten.

Praktisch alle Sites, die gratis zugänglich sind und Medien ähneln, verwenden Banner-Werbung zur Finanzierung.

Die Werbung wird nur in wenigen Fällen selbst akquiriert: es gibt stattdessen Banner-Netzwerke, die mit den Inhalts-Anbietern Verträge abschließen, die Werbung auf deren Seiten einblenden und z.B. monatlich anhand der vereinbarten Erfolgskriterien (,,Page views'', ,,Click-throughs'') bezahlen.

Banner-Netzwerke sind umstritten, weil sie teilweise in die Privatsphäre der User eingreifen, um bessere Ziel­gruppen­orientierung zu erreichen..

Bannerwerbung ist auf Benutzerseite fast trivial zu umgehen: da die Werbebilder meist vom Banner-Netzwerk und nicht von der Seite des Informationsanbieters stammen, kann die Software sie leicht ignorieren. Natürlich würde es die Finanzierung vieler Gratis-Angebote stark gefährden, wenn solche Methoden sich in großem Maßstab durchsetzen. Dafür gibt es jedoch bis heute keine Anzeichen, obwohl die Werbefilter-Technologie seit mehreren Jahren zur Verfügung steht.

Die Informationsmenge im Web ist so groß, daß es für praktisch alle Inhalte mehrere konkurrierende Anbieter gibt. Die Wahrscheinlichkeit, daß die Konkurrenz nichts kostet, ist groß - abonnement-finanzierte Dienste konnten sich daher nur in Einzelfällen durchsetzen; viel öfter sind sie mit dem Versuch gescheitert und haben auf Werbefinanzierung umgestellt.

Die Chancen stehen vor allem dann gut für die Abo-Finanzierung, wenn es sich um ein bekanntes Medium handelt oder wenn das Angebot tatsächlich einzigartig ist.

Einige Websites, z.B. Slashdot (http://slashdot.org) binden sehr erfolgreich ihr Publikum in die Gestaltung der Inhalte ein; der eigene Input ist verschwindend gering im Vergleich zu den den Reaktionen der BesucherInnen der Webseite.

Finanzierung über den Kapitalmarkt: Internet-bezogene Aktien sind seit ca. 1998 an den Börsen sehr beliebt (auch wenn es im Frühjahr 2000 zu deutlichen Kurskorrekturen nach unten kam). Der Wert der Anteilspapiere ist wegen der Spekulation vielfach überbewertet, er entspricht nicht den realen Erlöspotentialen der Firmen. So ist es z.B. America Online möglich gewesen, Time Warner aufzukaufen. Z.B. Slashdot hat aus dem Börsengang Mittel eingenommen, die den Betrieb der Site für mehrere Jahre vorfinanzieren.

Freie Inhalte als Folge der verringerten Übertragungskosten

Wenn es (praktisch) nichts mehr kostet, die Werke zu vertreiben, und die Kreativen von ihren Werken überzeugt sind, ist es für sie logisch, diese ohne Einschränkungen zu verbreiten. (Die daraus gewonnene Popularität kann später manchmal finanziell ausgewertet werden.)

Für werbefinanzierte Medien, die ihrer zahlenden Kundschaft (der Werbewirtschaft) ja nur die Aufmerksamkeit und Zeit der KonsumentInnen anbieten können, sind freie Inhalte (eigentlich jede andere Freizeit-Beschäftigung) eine große Bedrohung: die Werbung ist nur an Kontakten interessiert; wenn deren Zahl abnimmt, wird den Medien die Finanzierung entzogen.

Es ist extrem schwierig, am Markt mit freien Inhalten zu konkurrieren. Sie halten sich sozusagen nicht an die Regeln des Marktes. Das führt mittel- oder langfristig zu einer Art Lohndumping: diejenigen setzen sich am Markt durch, die für weniger Geld (oder kein Geld) bereit sind, Inhalte anzubieten. Für Leute, die aus dem Verkauf geistigen Eigentums leben, sind das schwierige Bedingungen, aber sie haben keine Handhabe dagegen.

WissenschaftlerInnen sind normalerweise daran interessiert, ihre Arbeit der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, das ist ja schließlich der Sinn von Forschung. Wissenschaftliche Verlage leben vom Verkauf solcher Information, sie können aber nur (wie am Buchmarkt) eine bestimmte Menge davon veröffentlichen und verkaufen. Was übrigbleibt, geht heute immer öfter ins Internet, anstatt in einem Archiv zu verschwinden.

Unauthorisiertes Kopieren digitaler Dokumente in Computernetzen

Netzwerke wie das Internet wurden geschaffen, um zwischen Computersystemen Informationen zu übertragen. Dabei wird die Information meistens vervielfältigt, d.h. sie verbleibt auf dem Ursprungsrechner, am Zielrechner entsteht eine Kopie.

Maßnahmen der Unterhaltungsindustrie gegen unlizenzierte Kopien

Für digitale Daten (z.B. Texte, Musik, Video) wurde bisher kein Kopierschutzverfahren entwickelt, das nicht gebrochen wurde. Über den eigenen Computer hat der/die BesitzerIn totale Kontrolle; was sichtbar/hörbar gemacht wird, ist mit mehr oder weniger Aufwand auch kopierbar.

Es reicht, wenn weltweit eine Person die Datei kopieren kann - Napster, Freenet usw. erledigen den Rest.

Maßnahmen zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung

Die Software-Industrie führt schon länger "aufklärende" Medienkampagnen gegen das Kopieren; die Musik- und Filmindustrie folgen.

Der Erfolg ist zweifelhaft: die Anziehungskraft der Gratis-Inhalte ist sehr hoch und die Glaubwürdigkeit der Urheber der PR-Maßnahmen eher gering.

Gerichtliche Aktionen gegen Urheberrechtsverletzungen

Großteil der Verstöße gegen das Urheberrecht im privaten Bereich, dadurch Schwierigkeiten bei der Verfolgung. Gerichtliche Aktionen gegen einen größeren Personenkreis aus Public Relations-Gründen unwahrscheinlich.

Einflußnahme auf die Gesetzgebung

Die Lobbies großer Konzerne versuchen routinemäßig, die Rechtssysteme der Länder zu ihren Gunsten zu ändern.

Beispiele: Erweiterung der Geltungsdauer des Urheberrechts in den USA; Gesetze gegen die Umgehung des Kopierschutzes.

Finanzielle Folgen des Kopierens für die Inhaltsanbieter

Einander widersprechende Untersuchungen über die Folgen des Kopierens.

Schlußfolgerungen

Das Internet eignet sich sehr gut zur Informationsübermittlung. Das verringert aber die so schon geringe Marktfähigkeit der Medieninhalte. Dadurch verlieren die herkömmlichen kommerziellen Medien Marktanteile an frei zugängliche und kopierbare Inhalte, weil diese sich besser fürs Internet eignen.

Es wird wahrscheinlich immer schwieriger, für Medieninhalte Geld zu verlangen, weil technische und andere Kopierschutzmaßnahmen nur beschränkt bis gar nicht funktionieren. Die Inhalts-Industrie muß mit zunehmenden Umsatzausfällen aus privater und halbprivater Vervielfältigung rechnen. Neu auf den Markt kommende Kreative begeben sich nicht mehr in Abhängigkeit von Vermittlern (Verlagen, Plattenfirmen), sondern nehmen die Distribution in die eigenen Hände. Dadurch sind sie am Markt konkurrenzfähiger, weil sie einen großen Apparat und dessen Gewinne nicht mitfinanzieren müssen. Als Folge werden die Verlage und andere Vermittler an Bedeutung verlieren.

Das alternative Szenario kann nur mit großer Beschränkung der persönlichen Freiheit der MedienkonsumentInnen und starker staatlicher Kooperation zustande kommen: In diesem Fall wären die Erlöse der Industrie zu Ungunsten der Bildung, Wissenschaft und Unterhaltung ärmerer Bevölkerungsteile gesichert.


© Balázs Bárány. (Homepage)
Zuletzt geändert: 2000-06-28.