Wissenschaftliche Debatte und Argumentation zum Thema
``Open-Source-Software-Entwicklung''
Balázs Bárány, 9606800 (301
295)
Ulrike Felt, Martina Erlemann: Hat Wissenschaft ein
Monopol auf Wissen? Wissensformen, Machtstrukturen und
Geschlechterverhältnisse. WS 2001/2002
Abstract: Die Software-Entwicklung nach dem
``Open-Source''-Modell ist eine der wichtigsten Entwicklungen der
Informatik in den 90er Jahren. Das Modell ist zwar älter, doch eine
bewußte Beschäftigung mit seinen Vor- und Nachteilen wurde erst
um 1997 mit dem einflußreichen Paper ``The Cathedral and the
Bazaar'' (CatB) von Eric S. Raymond
begonnen.
Die Theorien aus CatB berühren sowohl die
etablierte Theorie der Software-Entwicklung (z.B.: ab einer bestimmten
Grenze können auch mehr Leute ein Projekt nicht schneller entwickeln)
als auch fremde Gebiete wie die Wirtschaft (z.B.: ``gift economy'':
Leute produzieren wirtschaftlich verwertbare Produkte ohne finanzielle
Gegenleistung). Im Verlauf der Debatte kam bald der Standpunkt auf, die
Open-Source-Software-Entwicklung mit der wissenschaftlichen Gemeinschaft zu
vergleichen.
Raymond, wie die meisten anderen Teilnehmer der Debatte, kommt direkt aus
der Software-Entwicklung. Ein großer Teil der Argumentation -- auch
wenn soziale oder wirtschaftliche Themen angesprochen werden -- ist
erkennbar durch diese technisch-naturwissenschaftliche Sichtweise
eingefärbt.
Das eröffnet einigen Raum für Kritik, da hier
``berufsfremde'' Personen -- viele sogar ohne akademischen Grad,
Position und Veröffentlichungsgeschichte -- sich berufen fühlen,
wissenschaftliche Aussagen über Dinge zu treffen, für die sie
nach herkömmlichen wissenschaftlichen Kriterien nicht
``zuständig'' sind.
Ein anderer kritisierter Aspekt ist die vereinfachende, naive und manchmal
fast fundamentalistisch schwarz-weiße Sichtweise der
BefürworterInnen der Open-Source-Software-Entwicklung.
Meine Arbeit wird die wesentlichen Argumentationslinien der viel
rezipierten Teilnehmer der Debatte sowie die von ihnen und über sie
geäußerte Kritik vorstellen.
Es erscheint mir aus zwei Gründen interessant, dieses Thema zu
bearbeiten: erstens, weil hier die Entwicklung der Argumentation auf einem
neu erschlossenen Gebiet zu beobachten ist und zweitens wegen der
Verbindung der Open-Source-Entwicklung mit den Methoden der
Wissenschaft.
| $Id: seminararbeit.lyx,v 1.8 2002/05/23
20:58:05 bb Exp bb $ |
Table of Contents
1 Einleitung
Am Anfang ihres kommerziellen Einsatzes wurden Computerprogramme
ausschließlich zusammen mit den Computern vertrieben. Immer wurde
auch der Quellcode mitgeliefert. (Der Quellcode ist in einer für
Menschen verständlichen Sprache geschrieben, und wird mit einem
Compiler (Übersetzerprogramm) in die ``Sprache'' der Maschine
übersetzt.) Dies wurde mit dem Entstehen einer unabhängigen
Software-Industrie in den Hintergrund gedrängt, die nicht daran
interessiert war, daß die BenutzerInnen das Programm selbst
ändern und weiterentwickeln können.
In bestimmten Kreisen, etwa um Universitäten herum, und im
Unix-Bereich (Unix ist ein Betriebssystem, das am Anfang der 70er Jahre
geschrieben wurde, und heute die Grundlage für viele andere
Betriebssysteme, etwa Linux und MacOS X ist), war jedoch der Austausch von
Quellcode weiter üblich, da dieser sich auf verschiedenen Maschinen
übersetzen läßt, während der
``Binärcode'' (der übersetzte Maschinencode) nur auf
einem Computertyp läuft.
Die ``Free Software Foundation'' (FSF) entstand 1984, um die
Entwicklung von ``Freier'', also frei zugänglicher,
kopierbarer und selbst änderbarer Software voranzutreiben.
In der Umgebung solcher an quelloffene Software gewöhnten Gruppen
wurden wesentliche Bestandteile des Internet wie e-mail und das World Wide
Web entwickelt. Auch heute sind Programme mit offenem Quellcode in diesen
Bereichen dominant (im WWW führt das Programm ``Apache'',
für e-mail-Server wird meistens ``sendmail'' verwendet).
Diese Koexistenz der frei kopierbaren, quelloffenen auf der einen und der
``proprietären'' Software auf der anderen Seite galt lange
Zeit als selbstverständlich und wurde nicht weiter hinterfragt.
Mitte/Ende der 90er Jahre gab es erste Versuche, das Phänomen zu
erklären und ihm einen Namen zu geben. Als Name wurde ``Open
Source'' auserkoren, da es mit dem früheren Begriff ``Freie
Software'' in den USA ein großes Verständnisproblem gab:
``free'' bedeutet sowohl ``frei'' als auch
``gratis'', was etwa in der Wirtschaft Vorbehalte gegenüber
``free software'' erzeugte. Die Bezeichnung ``free
software'' existiert nach wie vor und wird etwa von der FSF weiter
so genannt; die öffentliche und wissenschaftliche Diskussion verwendet
jedoch meist ``open source''. Ich schreibe in dieser Arbeit ``open
source'', weil das auch meine Quellen tun, und nicht als
Parteinahme für eine Seite dieser intensiv geführten
Namens-Debatte.
Um 1997 begann die Beschäftigung mit Open Source als eigener
Software-Entwicklungs-Methode sowie aus wirtschaftlicher und sozialer
Sicht. Dieses Gebiet wurde vorher von der Wissenschaft gar nicht separat
bearbeitet.
Meine Arbeit wird zwei frühe Teilnehmer der Debatte und ihre Werke,
die großen Einfluß auf die Diskussion hatten, vorstellen. Die
Auswahl ist bewußt auf die Dokumente, die den Stil der Anfänge
der Debatte bestimmten, begrenzt worden.
2 Die Arbeiten von Eric S.
Raymond
Eric S. Raymond ist eine der wichtigsten Figuren der Open-Source-Bewegung.
Er beschäftigt sich seit den 80er Jahren neben seiner technischen
Tätigkeit mit der Dokumentation der sozialen und psychologischen
Eigenschaften der ``Geek''-s ( Computerfreak) oder
``Hacker'' (jemand, der/die sich überdurschnittlich viel mit
technologischen oder wissenschaftlichen Dingen beschäftigt1).
Raymond hat keine akademische Ausbildung2, bis auf einige
Mathematik- und Philosophie-Kurse, die er an einer Universität besucht
hat; jedoch keinen Abschluß. Dennoch war er Gast-Lektor an
Universitäten, und seine Papers wurden als wissenschaftliche Dokumente
publiziert und diskutiert.
Er hat in Software-Engineering und Informatik keine formelle Ausbildung,
gilt aber als sehr guter Programmierer. Zum Beispiel hat er zu Linux (dem
berühmtesten Freien Betriebssystem), zum Texteditor EMACS und zum
e-mail-Übertragungsprogramm fetchmail beigetragen.
Wichtiger ist jedoch seine Arbeit als Historiker, Soziologe und
Öffentlichkeitsarbeiter der Open-Source-Bewegung.
2.1 Wissenschaftliche
Arbeiten
Einige von Raymonds Veröffentlichungen sind eindeutig als
wissenschaftliche Publikation positioniert und wurden auch so angenommen.
(Z.B. bei First Monday -- nach Eigendarstellung3 ein ``peer-reviewed
journal on the Internet''.) Die Papers wurden von
WissenschaftlerInnen zitiert und kommentiert, und waren auch
Argumentations-Grundlage für Entscheidungen von Software-Firmen.
(Netscape nennt explizit ``The Cathedral and the Bazaar'' (CatB, [Ray99a]) als wichtigen Faktor in der Entscheidung, den
Quellcode des Netscape-Browsers zu veröffentlichen. Auch bei Microsoft
(eigentlich ein typischer Vertreter der anderen Seite) wird teilweise die
Argumentation von CatB übernommen, etwa in
den ``Halloween Documents'' [Val98].)
Raymond ist kein Mitglieder der streng genommenen academic
community, und weicht auch in einigen Punkten von den Gebräuchen
dieser ab. So enthalten die meisten seiner Papers eine Versions-Geschichte,
in der die nachträglichen Änderungen am bereits
publizierten Dokument beschrieben sind. Das ist typisch für die
Software-Entwicklung (so etwas wie das ``perfekte'' Programm gibt
es nicht -- es sind immer Verbesserungen möglich), aber nicht
fürs wissenschaftliche Publikationswesen. Diese Änderungen werden
meist nach Anregungen der LeserInnen eingearbeitet. Deswegen zirkulieren
von den beliebteren bzw. älteren Papers mehrere Versionen. Wo es
notwendig ist, werde ich auf die Unterschiede eingehen.
2.2 The Cathedral and the
Bazaar (CatB)
Von diesem Dokument sind mir vier Versionen bekannt -- eine einfache
Web-Suche würde wahrscheinlich noch einige finden (abgesehen davon,
daß Eric S. Raymond den Text in einem Versionsverwaltungswerkzeug
hält und somit beliebige alte Versionen hervorholen kann). Es gibt
auch Übersetzungen, die von der offiziellen Seite verlinkt sind.
- Die offizielle, immer aktuelle Version ist auf Raymonds Homepage4 zu finden. Das ist derzeit die Revision 1.51
vom 24. August 2000.
- Ebenfalls als Revision 1.51 gekennzeichnet ist die Version vom 31.
August 1999, die in der ersten Ausgabe des Buches ``The Cathedral & the
Bazaar'' [Ray99a] abgedruckt
ist.
- Revision 1.33 vom 16. Februar 1998 wurde bei First Monday publiziert5.
- Eine noch frühere Version ist bei Red Hat Software6 (dem
größten GNU/Linux-Distributor) publiziert. Die
Versionskennzeichnung wurde (wahrscheinlich durch den Import in Red Hats
eigene Versionsverwaltung) überschrieben, aber anhand der Kommentare
kann die Revision zwischen 1.16 und 1.20 (Mai bis Juli 1997) eingeordnet
werden.
2.2.1 Kurze
Inhaltsangabe
Raymond beschreibt, daß die Software-Community -- und auch er selbst
-- vom Erfolg des Betriebssystems Linux im Laufe der 90er Jahre
überrascht waren. Die etablierte Meinung -- selbst unter den
VertreterInnen der Freien Software -- war, daß so große
Programme wie ein universelles Betriebssystem nicht in weltweiter
Zusammenarbeit (Metapher: Bazar), sondern nur in einer kleinen Gruppe von
SpezialistInnen (Metapher: Kathedrale) geschrieben werden können. Eric
Raymond beschloß also, seine Theorien darüber, wie das
funktionieren kann, an einem eigenen Projekt (fetchmail) zu testen. Es
folgt eine (etwas technische) Beschreibung der Ziele dieses Projekts, und
die von der Linux-Entwicklung abgeschauten Elemente -- Hypothesen, die laut
Raymond durch die Erfahrungen verifiziert wurden.
Raymond übernimmt also ein bestehendes Projekt, das für ihn ein
Problem löst, und das vom ursprünglichen Autor nicht mehr
weiterentwickelt wird. Er wendet die von Linus Torvalds (Autor des
Linux-Betriebssystems) übernommenen Methoden an. Das Projekt
entwickelt sich zügig weiter, und es kommt zu einem wichtigen Punkt:
Ein User schickt die Idee, und auch gleich den Sourcecode, für eine
Erweiterung, die sich bald als die wichtigste und nützlichste erweist.
Dies ist laut Raymond der wichtigste und offensichtlichste Beweis für
die Qualität der Open-Source-Entwicklung -- so ein Ereignis hätte
bei ``Closed Source'' nicht passieren können, da die
BenutzerInnen keine Zugriff auf den Quellcode des Programms haben, es daher
auch nicht weiterentwickeln können.
Danach folgt die Widerlegung einer bis dahin als unumstößliche
Wahrheit angenommenen Aussage aus dem Klassiker der Software-Entwicklung,
Fred Brooks' ``The Mythical Man-Month'', nämlich daß die Anzahl der
ProgrammiererInnen nicht notwendigerweise zu einer schnelleren Entwicklung
führe. Raymond zeigt, unter welchen Umständen diese Regel nicht
auf die Open-Source-Entwicklung anwendbar ist.
In aktuelleren Versionen (im Buch schon enthalten, im First Monday-Paper
noch nicht) folgt noch ein Kapitel mit Empfehlungen, wie ein
Open-Source-Projekt ``geführt'' werden kann.
2.2.2 Zentrale Aussagen und
wie sie argumentiert werden
(Ich werde mich mit den Aussagen nicht inhaltlich auseinandersetzen --
darum geht es hier nicht, und das haben wesentlich erfahrene Leute schon
getan --, sondern damit, wie sie argumentiert werden. Das Ziel ist,
abzuleiten, wie gültig die Aussagen nach wissenschaftlichen Kriterien
erscheinen.)
Diese Aussagen erscheinen im Text speziell abgesetzt und numeriert -- es
ist also davon auszugehen, daß Eric S. Raymond ihnen besondere
Bedeutung zumißt und das Paper um sie aufbaut.
1. Every good work of software starts by scratching a developer's
personal itch. (Jede gute Software wird geschrieben, weil einE
EntwicklerIn ein zu lösendes Problem (``Jucken'') hat.)
Dies scheint offensichtlich, wird aber nur mit der Beobachtung
argumentiert, daß in der herkömmlichen Software-Industrie zu
viele ProgrammiererInnen an langweiligen Projekten, an denen sie kein
persönliches Interesse haben, arbeiten, und daß es in der
Open-Source-Entwicklung anders sei.
2. Good programmers know what to write. Great ones know what to rewrite
(and reuse). (Gute ProgrammiererInnen wissen, was sie schreiben sollen
- die Großartigen wissen, was sie umschreiben und wiederverwenden
sollen.)
Argumentiert wird diese Aussage damit, daß auf diese Weise die
Produktivität steigt; Wiederverwendbarkeit ist tatsächlich ein
häufig genanntes Ideal der Software-Entwicklung. Das sieht
offensichtlich aus, aber die Unterscheidung ``Good ... Great ...
programmers'' wird nicht wirklich belegt.
3. ``Plan to throw one away; you will, anyhow'' (Fred Brooks,
``The Mythical Man-Month'', Chapter 11) (Plane im Voraus ein,
daß du Arbeit wegwerfen wirst müssen - es wird so kommen.)
Diese zitierte Aussage wird etwas umformuliert: manchmal versteht mensch
ein Problem erst nachdem mensch es einmal gelöst hat. Die zweite
Lösung kann dann vernünftiger sein und sogar im Hinblick auf die
zukünftige Wartung der Software den Aufwand rechtfertigen, das
Programm komplett neu zu schreiben.
Als Beleg für die Richtigkeit der Aussage wird aber
(abgesehen von der zitierten Autorität) nur die eigene Entscheidung
in Kenntnis der Brooks'schen Regel angeführt.
(An dieser Stelle beschreibt Raymond, wie er die Verantwortung für die
Weiterentwicklung des Projekts ``popclient'' vom
ursprünglichen Autor, der das Interesse daran verloren hat,
übernimmt.)
4. If you have the right attitude, interesting problems will find
you. (Mit der richtigen Einstellung werden dich die interessanten
Probleme finden.)
Das einzige angeführte Argument dafür ist Raymonds eigene
Erfahrung. Dieser Punkt hat, wie einige andere, eigentlich nichts mit dem
Thema des Papers, der Open-Source-Entwicklung, zu tun, und ist eher ein
``literarisches'' als ein ``wissenschaftliches'' Element in
CatB.
5. When you lose interest in a program, your last duty to it is to hand
it off to a competent successor. (Wenn jemand ein Projekt aufgibt,
sollte er/sie sich um die kompetente Weiterführung
kümmern.)
Dieser in der Hacker-Gesellschaft beobachtbare Usus wird später in
``Homesteading the Noosphere'' [Ray99b] weiter ausgeführt; die Aussage
basiert auf einer Beobachtung Raymonds (der zweifellos eine Autorität
auf dem Gebiet der sozialen Spielregeln der Hacker-Community ist), ist aber
nicht, wie es auf dieser Grundlage angemessen wäre, deskriptiv
formuliert (etwa: ``...people usually hand it off...''),
sondern normativ.
6. Treating your users as co-developers is your least-hassle route to
rapid code improvement and effective debugging. (Die Behandlung der
BenutzerInnen als MitentwicklerInnen ist der einfachste Weg zu schneller
Entwicklung und effektiver Fehlerbehebung.)
Dies ist eines der wichtigsten Argumente der Open-Source-VertreterInnen.
Die empirischen Beispiele (Linux, Fetchmail, Apache und praktisch jede
erfolgreiche Open-Source-Software) zeigen ihnen zufolge klar,
daß der Zugriff auf den Quellcode dazu führt, daß die
BenutzerInnen (wenigstens die mit Programmierkenntnissen, oder auch die,
die solche Leute kennen) selbst die Dinge in die Hand nehmen
können.
Für einen richtigen Vergleich mit der Closed-Source-Methode
müßte jedoch ein Experiment herangezogen werden, in dem ein
vergleichbares Programm mit vergleichbaren Ressourcen (Zeitaufwand etc.)
als Closed Source implementiert und gewartet wird. Erst dann wären
sichere Aussagen über die qualitativen Unterschiede zwischen beiden
Methoden möglich. So beweisen Raymonds Beispiele nur, daß Open
Source eine funktionierende Methode ist.
(In späteren Versionen von CatB, zuerst im
CatB-Buch, taucht das Beispiel des EGCS-Projekts
auf [Experimental GNU Compiler System]. EGCS wurde bewußt nach den
Empfehlungen von CatB entwickelt und erreichte
nach 20monatiger Entwicklung den Stand des früheren Projekts GCC (GNU
Compiler Collection), mit der Konsequenz, daß das offizielle GCC-Team
die eigene Arbeit einstellte und dem EGCS-Projekt beitrat. Dies könnte
als eine experimentelle Bestätigung der Überlegenheit der
offeneren Entwicklung gewertet werden. GCC wurde früher zwar als Open
Source veröffentlicht, aber eher nach der Cathedral-Methode von einer
geschlossenen Gruppe entwickelt.)
7. Release early. Release often. And listen to your customers.
(Veröffentliche früh und oft und hör auf deine
``KundInnen''.)
Laut Raymond wirken die kleinen, inkrementellen Verbesserungen als
Motivationsfaktor für die BenutzerInnen, weil ihre Probleme
``sofort'' gelöst werden, und für die EntwicklerInnen,
weil sie ``sofort'' die Gratifikation, daß ihre Arbeit im
beliebten System erscheint, bekommen.
Das ist eine Aussage über menschliche Motivation, also aus dem Bereich
der Psychologie oder Sozialpsychologie. In einer wissenschaftlichen
Publikation würde eine solche Aussage üblicherweise mit
Bezügen auf vorhandene Literatur belegt, oder im Paper selbst
begründet werden. Hier wird jedoch die Verhaltensempfehlung nur mit
der aufgestellten Theorie erklärt, ohne die Theorie zu
belegen oder etwa darauf einzugehen, wie sehr die angeblich höhere
Motivation den höheren Zeitaufwand aller Beteiligten
kompensiert.
8. Given a large enough beta-tester and co-developer base, almost every
problem will be characterized quickly and the fix obvious to someone.
(Bei einer genügend großen Gruppe aus TesterInnen und
MitentwicklerInnen wird jedes Problem schnell gefunden und die Lösung
für jemanden offensichtlich sein.)
Diese Aussage ist so zentral (und wird auch so häufig zitiert),
daß Raymond ihr einen speziellen Namen, ``Linus's
Law'', gegeben hat. (``Linus'' ist Linus Torvalds, der
finnische Programmierer, der das Linux-Projekt gestartet hat und nach wie
vor die Entwicklung leitet.)
Das grundlegende Argument für Linus' Law ist ein
logischer Umkehrschluß: Wäre das Gesetz nicht gültig,
wäre ein so komplexes und von so vielen verschiedenen Leuten
``angefaßtes'' System wie der Linux-Kernel unter der Last von
unvorhergesehenen Interaktionen und tief versteckten Programmierfehlern
zusammengebrochen. (Es ist bekannt in der Forschung über
Software-Entwicklung, daß mit der Komplexität eines Projekts die
Wahrscheinlichkeit des Mißerfolgs überproportional
ansteigt.)
Die zweite Absicherung der Aussage ist der Bezug auf die in der Soziologie
bekannte Delphi-Effekt-Theorie, die besagt, daß der Durchschnitt der
Vorhersagen vieler fähigen BeobachterInnen meist zuverlässiger
ist als die einzelnen Vorhersagen. Raymond scheint davon auszugehen,
daß sein Publikum diese soziologische Theorie so gut kennt, daß
er keine Literaturhinweise oder Quellen -- die beim Bezug auf eine fremde
Theorie in wissenschaftlichen Publikationen sonst üblich sind --
anführt.
Linus' Law bezieht sich nur auf einen Aspekt der
Software-Entwicklung, nämlich auf die Fehlersuche und -behebung. Diese
zusammen verursachen laut Brooks mindestens 40 % der Kosten der
Software-Entwicklung -- wenn sie durch Open Source stark verbessert werden,
kann der Vorteil also dieses Ausmaß erreichen.
9. Smart data structures and dumb code works a lot better than the
other way around. (Kluge Anordnung der Daten mit einfachen Befehlen
funktioniert viel besser als umgekehrt.)
Dies ist eine Aussage über Software-Entwicklung, Raymonds eigenes
Betätigungsfeld. Sie wird mit der Autorität des
Software-Entwicklungs-Klassikers von Brooks' ``Mythical
Man-month'' und Raymonds eigener Erfahrung belegt. Es handelt sich
allerdings nicht um den Vergleich der beiden Entwicklungsmethoden, ist also
in diesem Rahmen weniger interessant.
10. If you treat your beta-testers as if they're your most valuable
resource, they will respond by becoming your most valuable resource.
(Wenn du deine Beta-TesterInnen7 wie deine wertvollste
Ressource behandelst, werden sie deine wertvollste Ressource werden.)
Diese Aussage leitet Raymond auch aus seiner Theorie, die er in der
Linux-Entwicklung gesehen und mit fetchmail bestätigt hat, her. Er hat
die ``Methode'' von Linus Torvalds und dessen Stil der Organisation
der Linux-Entwicklung übernommen, und sie scheint auch bei ihm zu
funktionieren.
(Es gibt allerdings auch bekannte Gegenbeispiele. Die ungarische
Entwicklergruppe der beliebten Linux-Videoabspielsoftware
``mplayer'' gilt als unfreundlich, intolerant und arrogant, siehe
z.B. den vieldiskutierten Artikel ``MPlayer: The project from
hell''8.)
11. The next best thing to having good ideas is recognizing good ideas
from your users. Sometimes the latter is better. (Fast so gut wie
selbst gute Ideen zu haben ist das Erkennen der guten Ideen der
BenutzerInnen. Manchmal ist das zweite sogar besser.)
Dies wird nur als ``Ego-Aufbaumethode'' für LeiterInnen von
Open-Source-Projekten ausgeführt, kaum in Bezug auf das eigentliche
Thema, die Software-Entwicklung.
12. Often, the most striking and innovative solutions come from
realizing that your concept of the problem was wrong. (Oft entstehen
die eindrucksvollsten und innovativen Lösungen dadurch, daß
mensch realisiert, daß die eigene Problemsicht falsch war.)
Es ist genauso schwer, diese Aussage zu belegen, wie sie zu widerlegen: Das
Wort ``oft'' ist zu unscharf für eine wissenschaftliche
Theorie. Raymond beschreibt hier lediglich, daß es in diesem
einzelnen Fall eben so war.
13. ``Perfection (in design) is achieved not when there is nothing more
to add, but rather when there is nothing more to take away.''
(``Ein perfekter Entwurf wird nicht erreicht, wenn es nichts mehr zum
Hinzufügen, sondern wenn es nichts mehr zum Wegnehmen gibt.`` --
Raymond zitiert hier Antoine de Saint-Exupéry, aber ohne
Quellenangabe.)
Der einzige Beleg Raymonds für diesen Slogan ist folgender Satz:
``When your code is getting better and simpler, that is when you
know it's right.'' (Wenn dein Programmcode besser und
gleichzeitig einfacher wird, weißt du, daß es richtig
ist. [Hervorhebung durch ESR]) Das ist kaum eine über alle Zweifel
erhobene Argumentation -- es ist aber anzunehmen, daß sie einem
erfahrenen Software-Entwickler so vorkommt.
In einem folgenden Absatz beschreibt Raymond ohne besondere Hervorhebung
das, was er eigentlich mit den letzten drei Slogans belegen wollte:
Linus' Law gelte nicht nur für die Fehlersuche, sondern auch
für die ``Entdeckung des Entwurfsraums'' (``exploration of
design space''), also für die Suche nach möglichen
Lösungen eines Problems.
14. Any tool should be useful in the expected way, but a truly great
tool lends itself to uses you never expected. (Ein Werkzeug sollte
seine vorgesehene Aufgabe lösen, aber ein wirklich großartiges
Werkzeug bietet sich auch für unvorhergesehene Aufgaben an.)
Dies ist wiederum keine wissenschaftliche Aussage, und wohl auch nicht nur
auf die Open-Source-Entwicklung bezogen.
15. When writing gateway software of any kind, take pains to disturb
the data stream as little as possible -- and *never* throw away information
unless the recipient forces you to! (Wenn du ``vermittelnde''
Software schreibst, bemühe dich, den Datenstrom so wenig wie
möglich zu ändern -- und werfe *niemals* Information weg, es sei
denn, der Empfänger zwingt dich dazu.)
Dies ist ein ziemlich allgemein anerkanntes Ideal in der
Software-Entwicklung; Raymond erklärt nur, wie es für fetchmail
sinnvoll war, sich daran zu halten.
16. When your language is nowhere near Turing-complete, syntactic sugar
can be your friend. (Wenn deine Sprache [hier ist die
``Sprache'' der fetchmail-Konfigurationsdatei gemeint] nicht
annähernd Turing-komplett ist, kann ``Syntaktischer Zucker''
dein Freund sein.)
17. A security system is only as secure as its secret. Beware of
pseudo-secrets. (Ein Sicherheitssystem ist nur so sicher wie sein
Geheimnis. Hüte dich von Pseudo-Geheimnissen.)
Diese beiden Punkte empfiehlt Raymond nur für technisch gebildete
LeserInnen, und sie machen auch nur für diese Sinn.
(``Turing-complete'' ist eine Bezeichnung für
Programmiersprachen, die bestimmten Kriterien des Mathematikers und
Computer-Pioniers Alan Turing entsprechen. ``Syntactic sugar'' ist
InformatikerInnen-Slang, nachlesbar im von Eric S. Raymond selbst betreuten
``Jargon File''9. Ein ``pseudo-secret'' wäre im
Fall von Fetchmail eine scheinbare Verschlüsselung der
Paßwörter, die aber gegenüber Angriffen keinerlei
Sicherheit böte.)
Beide Aussagen werden halbwegs ausgeführt, aber nur mit
persönlichen Erfahrungen argumentiert.
18. To solve an interesting problem, start by finding a problem that is
interesting to you. (Um ein interessantes Problem zu lösen, such
ein Problem, das für dich interessant ist.)
Raymond formuliert hier Regel 1 neu, ohne etwas zur Aussage oder auch zur
Erklärung hinzuzufügen. Jedoch beginnt hier ein längerer
Teil, der anhand der Frage der Motivation die Thesen von Brooks und Gerald
Weinberg (``The Psychology of Computer Programming'')
herausarbeitet und auf die Open-Source-Entwicklung
überträgt.
19. Provided the development coordinator has a medium at least as good
as the Internet, and knows how to lead without coercion, many heads are
inevitably better than one. (Wenn die Person, die die Entwicklung
koordiniert, ein mindestens so gutes Kommunikationsmittel wie das Internet
hat, und weiß, wie sie ohne Zwang führen kann, sind mehr
Köpfe unweigerlich besser als einer.)
Diese These wird mit Weinbergs Beobachtungen über unterschiedliche
Kommunikationsstile bei Gruppen von ProgrammiererInnen und einem Zitat aus
``Memoirs of a Revolutionist'' von Pjotr Alexejewitsch Kropotkin,
einem russischen Anarchisten des 19. Jahrhunderts belegt. Weitere
Parallelen aus der Biologie und aus den Wirtschaftswissenschaften (``...a
collection of selfish agents...'', [Ray99a, S. 64]) werden genannt.
Raymond schließt daraus, daß wegen der Motivationsmechanismen
und der leichteren Kommunikation, die nicht wie bei Brooks zu
exponentieller Komplexität führt, für die
Open-Source-Entwicklung andere Regeln gelten. Er suggeriert weiter,
daß Open-Source-Software über die kommerzielle Seite
``triumphieren'' wird, weil sie viel mehr Menschen (und damit mehr
Programmierzeit) einbeziehen kann.
Die Originalversion von CatB endet hier (z.B. in
der Version auf redhat.com nachzulesen). In neueren Revisionen folgt noch
eine Auseinandersetzung mit Einwänden, die nach der Publikation auf
First Monday aufgetaucht sind. Ab der First Monday-Version gibt es auch
einen Epilog, der beschreibt, wie Netscape Communications 1998 mit Bezug
auf die Thesen in CatB sich entschieden hat, den
Quellcode des Netscape-Browsers freizugeben. (Das daraus entstandene
Mozilla-Projekt will jetzt, im Frühjahr 2002, die Version 1.0 seines
Browsers veröffentlichen.)
2.2.3 Bewertung der
Argumentation in CatB
Die 19 numerierten Kernaussagen von ``The Cathedral and the
Bazaar'' lassen sich folgenden Themenkreisen zuordnen:
- Motivation der EntwicklerInnen: 1, 4, 7, 10, 11, 18
- Aussagen zu ``guten'' Verfahren der Software-Entwicklung: 2, 3,
9, 12, 13, 14, 15, 16, 17
- Gepflogenheiten in der Open-Source-Gemeinschaft: 5
- Spezielle Eigenschaften der Open-Source-Entwicklung (gegenüber der
traditionellen Entwicklung): 6, 8, 19
Vom Ansatz und auch von der Rezeption her scheint der Schwerpunkt von CatB auf den Unterschieden zwischen Closed- und
Open-Source-Entwicklung zu liegen - dazu gehören die Frage der
Motivation und die speziellen Eigenschaften der Open-Source-Entwicklung.
Die Gepflogenheiten werden in ``Homesteading the Noosphere'' [Ray99b] und anderen Werken Raymonds genauer
ausgeführt; für die eher verstreuten und punktuellen Aussagen
über die ``gute'' Software-Entwicklung gibt es wesentlich
besser anerkannte und systematischere Quellen.
Mit einem in der Wissenschaft üblichen Zitat von fachlich passender
Literatur (also Quellenangabe etc.) wird nur die Aussage 19 belegt.
Die Anwendung der vom Linux-Kernel abgeleiteten Theorien, also der neuen
Erkenntnis, erfolgt in der Begründung der Aussagen 6 (``threating the
users as co-developers''), 7 (``release early, release
often''), 8 (``Linus's Law''), 10 (``if you treat your
beta-testers...'') und 19 (``many heads are inevitably better than
one''). Der ``Beweis'' ist jeweils die Gemeinsamkeit
zwischen dem Linux-Kernel und der eigenen fetchmail-Entwicklung. Andere
Erklärungsmodelle werden gar nicht angeboten.
Alle anderen Aussagen -- der größere Teil -- werden nur mit
eigener Erfahrung, mit der Aussage selbst (!), mit ``klugen
Sprüchen'' (die einem erfahrenen Software-Entwickler wie ESR
wohl als selbstverständlich erscheinen) oder gar nicht belegt.
``The Cathedral and the Bazaar'' wurde als wissenschaftliche
Veröffentlichung präsentiert, und wird auch seitdem so behandelt.
Es ist sicherlich gut geschrieben, angenehm zu lesen und wohl auch ziemlich
überzeugend, wird aber dem Anspruch der Wissenschaft wegen des eher
lockeren Umgangs mit wissenschaftlichen Methoden nicht ganz gerecht. In
meinen Augen eignet es sich nur bei sehr vorsichtiger Anwendung als
zitierbare Quelle für andere Arbeiten -- eher nur als Anregung,
einzelne Punkte davon besser zu belegen.
2.3 Homesteading the
Noosphere
(Etwa: Besitznahme an der ``Noosphäre''. Noosphäre wird
als ``Territorium der Ideen, der Raum aller möglichen
Gedanken'' erklärt.)
Auch dieses Werk wurde in verschiedenen Versionen veröffentlicht; ich
benutze hier die, die im CatB-Buch [Ray99b] abgedruckt ist. (Laut
Versionsgeschichte auf der Raymond-Homepage ist seitdem am Inhalt nichts
geändert worden.)
Homesteading the Noosphere könnte am ehesten als soziologische Arbeit
bezeichnet werden. Ihr Grundgedanke ist, daß zwischen den
öffentlich geäußerten Zielen der Open-Source- / Freie
Software-Bewegung (die z.B. aus den Lizenzverträgen, die den
Programmen beiliegen, hervorgehen) und den tatsächlichen
Verhaltensweisen der beteiligten EntwickerInnen eine gewisse Diskrepanz
merkbar ist. Das Paper geht diesen Diskrepanzen auf den Grund und versucht
sie zu erklären.
HtN richtet sich eher nur an die Gruppen, die
sich selbst mit Open Source beschäftigen. Es wurde außerhalb
dieser Kreise anscheinend weniger diskutiert, und versucht auch nicht,
Aussagen aufzustellen, die außerhalb des eigenen Feldes, etwa auf die
kommerzielle Software-Entwicklung, anwendbar wären.
Drei ``Tabus'' werden identifiziert:
- ``Forking'', das Abspalten eigener Versionen von einem anderen
Open-Source-Projekt. Obwohl jede Open-Source-Lizenz das Forking vorsieht
(es ist sogar eines der primären Kriterien für
Open-Source-Lizenzen), ist Forking sehr selten, und wenn, dann geschieht es
nur mit öffentlicher Rechtfertigung.
- Der Vertrieb von Änderungen an fremden Projekten ohne Billigung
der AutorInnen.
- Entfernung der Urheber-Angaben ohne expliziten Auftrag der
UrheberInnen.
Raymond argumentiert, daß es auch im Open-Source-Bereich eine
implizite Annahme von Besitzrechten gibt, die dem von germanischen
Stämmen ausgebildeten, im Mittelalter in westeuropäischen
Ländern angewendeten und erstmals von John Locke systematisch
beschriebenen System der Landbesitzrechte ähneln. So wie beim
Landbesitz erwirbt jemand einen ``Besitztitel'' durch die
``Besetzung'' eines vorher nicht bevölkerten Teiles des
virtuellen oder bestehenden ``Landes''. Wer ein Projekt ins Leben
gerufen hat, hat durch diese ``Entdeckung'' gezeigt, daß
er/sie geeignet ist, es weiterzuführen, und auch zu bestimmen, wer es
weiterführen soll, falls er/sie selbst das nicht mehr tun kann oder
will.
Weiters sei die Open-Source-Gemeinschaft eine ``Geschenkkultur''
(gift culture). Laut Raymond ist das ein Gesellschaftsmodell, das nicht
allgemein bekannt sei, außer bei AnthropologInnen (``not generally
recognized except by anthropologists'' [Ray99b, S. 99]). Nach dieser
Theorie erlangen Open-Source-EntwicklerInnen Reputation nicht durch Macht
oder Besitz, sondern durch das ``Verschenken'' der Ergebnisse ihrer
Arbeit. Die drei genannten Tabus würden genau deswegen existieren,
weil sie einen Schutz für die so gewonnene Reputation
sicherstellen.
Im folgenden Teil des Papers werden die beobachteten Verhaltensweisen (etwa
zur Lösung von Konflikten) anhand dieser zwei Erklärungsmodelle
erläutert.
In einem anscheinend erst im Laufe der ``Weiterentwicklung'' des
Papers hinzugefügten Teil am Ende von ``Homesteading the
Noosphere'' zieht Raymond Parallelen zwischen
Open-Source-Gemeinschaft und der akademischen Kultur.
``Homesteading the Noosphere'' ist ähnlich geschrieben wie
CatB: Wegen der Erzählweise von Eric Raymond
und seines selbstsicheren Stils ziemlich überzeugend, aber
wissenschaftliche Merkmale fehlen. Die benutzten Theorien etwa aus dem
Bereich der Anthropologie und Soziologie werden ohne Quellenangabe
erwähnt: offensichtlich geht Raymond davon aus, daß seine
Audienz diese Theorien bereits kennt.
2.4 The Magic Cauldron
(``Der magische Kessel''; in der walisischen Mythologie hatte die
Göttin Ceridwen einen Kessel, der mit Hilfe einer speziellen
Beschwörungsformel Essen produziert hat.)
Ich behandle hier die Revision aus dem CatB-Buch
[Ray99c]; seitdem sind laut Versionstabelle
keine inhaltlichen Änderungen geschehen.
In ``The Magic Cauldron'' betritt Raymond wieder ein neues Gebiet:
die Wirtschaft. Er erklärt das scheinbar unerklärliche
Phänomen, daß aufwendige Software hervorragender Qualität
``aus dem Nichts'' entsteht und allgemein ohne Beschränkungen
zur Verfügung steht.
Grundlage der Argumentation bildet die Erkenntnis, daß Software
großteils kein für den Markt erzeugtes Produkt, sondern eine
Dienstleistung ist. Daher seien viele Gesetze des Produkt-Marktes nicht
anwendbar. Vielmehr würde es häufig sowohl der anbietenden als
auch der nachfragenden Seite schaden, das Produkt-Markt-Modell
anzuwenden.
Raymond kehrt das berühmte ``Tragödie der
Allmende''-Modell10 zum ``inverse
commons''-Modell um. In diesem Modell verringert die Benutzung
nicht den Wert der Software, sondern erhöht ihn -- etwa weil
Fehler gefunden und gleich auch behoben werden. Für die Person, die
den Fehler behoben hat, ist es ökonomisch besser, die Fehlerbehebung
herauszugeben als sie für sich zu behalten oder zu verkaufen: im
ersten Fall verliert sie nichts, da sie ja schon ihre Arbeitszeit
erfolgreich investiert hat; im anderen Fall hätte sie mehr Mühe
mit einer Preisfestsetzung sowie der immer wieder durchzuführenden
Anwendung der Fehlerbehebung, wenn neue Versionen erscheinen.
Auf Grundlage dieser Analyse kategorisiert Raymond verschiedene
Geschäftsmodelle, und gibt für jedes von ihnen eine Empfehlung ab
-- nicht in allen Fällen Richtung Open Source.
``The Magic Cauldron'' ist ähnlich geschrieben wie CatB und HtN: es gibt kaum
direkte Zitate; ökonomische Modelle werden als bekannt vorausgesetzt
oder ohne Quellenangabe beschrieben; Einwände von LeserInnen wurden in
neuere Versionen eingearbeitet.
Es ist deswegen ein interessantes Dokument, weil seine Zielgruppe die Leute
sind, die finanzielle Entscheidungen treffen. Solche Leute haben
üblicherweise eine wirtschaftliche Ausbildung -- die Theorien und
Schlußfolgerungen müssen also ``halten'', noch mehr als
bei den anderen zwei Papers.
2.5 Zusammenfassung:
Arbeiten von Eric S. Raymond
Raymond könnte als eine der wichtigsten Schnittstellen zwischen der
ziemlich selbstbezogenen Welt der Open-Source-Community und der
``wirklichen Welt'' gesehen werden. Seine Arbeiten sind die eines
vielseitig interessierten, autodidaktisch gebildeten Laien.
In jedem der vorgestellten Werke stößt er in neue Bereiche vor
-- er will lange bekannte ``Wahrheiten'' (z.B. Brooks' Annahme,
daß größere Teams nicht schneller entwickeln können)
widerlegen, holt wenig bekannte oder ``fremde'' Theorien vor und
wendet sie auf ein neues Feld an (z.B. die Landbesitz-Theorie von Locke),
oder betritt überhaupt komplett neue Wege (z.B. mit der Feststellung,
daß der Softwaremarkt kein Produktmarkt ist). Dabei bewegt er sich
selbstsicher zwischen unterschiedlichen Feldern wie Informatik, Soziologie,
Wirtschaft, Recht, Geschichte und Völkerkunde. Er hat wesentlich zum
Verständnis vieler Mechanismen der Open-Source-Software-Entwicklung
beigetragen, während diese sich ihren heutigen Platz erkämpft
hat.
Nach strengen, traditionellen Maßstäben ist sein Werk nicht
``wissenschaftlich genug''. Er hat jedoch, wie auch seine Kritiker
anerkennen, wesentlich dazu beigetragen, das Feld für die
wissenschaftliche Erforschung zu öffnen, und damit ``Wissen''
geschaffen.
3 Kritik an Eric S.
Raymonds Werken
Raymonds Schriften haben in der Open-Source-Community selbst großen
Anklang gefunden, weil sie den Betroffenen ein sehr positives Weltbild
anbieten. Da die Werke (vielleicht bis auf HtN)
auch andere Felder betreffen, haben sie eine kritische Auseinandersetzung
nach sich gezogen.
Viele Anmerkungen hat Raymond in neuere Versionen seiner Papers
eingearbeitet. Diese und andere Artikel, die sich mit Einzelaspekten etwa
von CatB beschäftigen, sind von der
Webseite11 verlinkt.
Von den vielen Stellungnahmen habe ich einen der lautesten Kritiker, Dr.
Nikolai Bezroukov herausgegriffen.
3.1 Dr. Nikolai Bezroukov:
``vulgärer Raymondismus''
Einer der meistreflektierten Kritiker speziell von CatB ist Dr. Nikolai Bezroukov, ein
Universitätsprofessor russischer Abstammung, der in den USA lehrt. Er
hat sich 1999 gleich zweimal zum Thema zum Wort gemeldet.
Dr. Bezroukov hat eine lange Publikationsgeschichte12 und
betreibt die Website ``softpanorama.org'', eine ``(etwas
skeptische) Open Source Software Bildungsgesellschaft''13. Er gehört, anders als Eric S. Raymond,
zum ``wissenschaftlichen Establishment''.
Sein erstes Paper, ``Open Source Software Development as a Special Type of
Academic Research (Critique of Vulgar Raymondism)'' [Bez99a] war nicht dazu gedacht, auf
fachlicher Ebene die Aussagen von CatB zu
widerlegen. Vielmehr handelt es sich um eine Kritik der Argumentationsweise
und des Aufbaus eines ``Fan-Kults'' um Raymond herum. Die zweite
wichtige Aussage ist, daß Open-Source-Software-Entwicklung keine
komplett neue, revolutionäre Idee, sondern eine andere Form der
akademischen Forschung sei.
Im zweiten Paper, ``A second look at The Cathedral and The Bazaar''
[Bez99b] versucht Dr. Bezroukov,
CatB zu analysieren und ein (ihm zufolge)
objektiveres Bild der Open-Source-Softwareentwicklung zu zeichnen.
Beide Papers wurden, wie schon CatB, auf First
Monday publiziert und lösten große Kontroversen aus.
3.1.1 Open Source Software
Development as a Special Type of Academic Research (Critique of Vulgar
Raymondism)
Dr. Bezroukov beschreibt zuerst, daß er in der
Open-Source-Gemeinschaft und auch bei Eric S. Raymond
übermäßig optimistische und unrealistische Sichtweisen
über Open Source ortet und nennt einige Gründe für diese
``Verzerrung der Wirklichkeit (``distortion of reality''). Er sieht
auch ernste Probleme mit dem Entwicklungsmodell selbst, die Raymond nicht
anspricht.
Dr. Bezroukov bezeichnet Raymonds Interpretation von Open Source als
``Vulgärmarxistisch'', und hat damit -- obwohl es sich um
einen anerkannten wissenschaftlichen Begriff14 handelt, der nichts
über politische Einstellungen, sondern über die Annahme simpler,
deterministischer sozio-ökonomischer Regeln des Klassenkampfes aussagt
-- viel Verwirrung und sehr feindliche Kommentare (nicht zuletzt von
Raymond selbst) provoziert. Dies hat die Akzeptanz des Papers wesentlich
bestimmt, und zwar wahrscheinlich negativ, weil das großteils von
CatB beeinflußte und in dieser Zeit in der
Open-Source-Euphorie lebende Publikum diesen persönlichen Angriff
übelgenommen hat.
Folgende Probleme, die Dr. Bezroukov in Raymonds Schriften erkannt haben
will, werden genannt:
- Messianische Beiklänge: Open Source sei ein progressives
Phänomen, das der Menschheit eine glückliche Zukunft bringen
kann, und keine Probleme hat.
- Die besten Open-Source-Projekte würden das
``Bazar-Modell'' anwenden. Alles andere sei zum Scheitern
verurteilt.
- Microsoft müsse zerstört werden.
- Alle Software-EntwicklerInnen würden sich in Richtung einer
``Geschenkwirtschaft'' in einer
``Post-Mangel-Gesellschaft'' bewegen.
- Die Open-Source-Bewegung würde aus ideal kooperativen Leuten
bestehen, es gebe nur wenige Konflikte und könnten innerhalb der
Gemeinschaft gelöst werden.
- Wie eine primitive Gesellschaft werde die Bewegung durch ungeschriebene
Normen und Tabus erfolgreich reguliert.
Danach beschreibt Dr. Bezroukov Parallelen zwischen der Erstellung von
Programmen und wissenschaftlichen Theorien. Programmieren sei ein
Spezialfall von, oder zumindest sehr nah an wissenschaftlicher Forschung.
Es gebe weitere Ähnlichkeiten in der Motivation (nicht Geld, sondern
die Suche nach Lösungen für interessante Probleme) und in der
Kommunikaton von virtuellen, nicht ortsgebundenen Gruppen, wie es bei
WissenschaftlerInnen schon länger üblich sei.
Die Probleme der Open-Source-Entwicklung werden vor allem mit Zitaten von
prominenten Linux- und anderen Entwicklern belegt. Dr. Bezroukov beschreibt
organisatorische und Kommunikationsprobleme, die bei Raymond nicht
vorkommen, aber empirisch (etwa durch Betrachtung der
Linux-Kernel-Entwicklung) belegbar sind, und die These, daß
internet-basierte Zusammenarbeit besonders effizient sei, widerlegen
sollen.
Ein weiteres Problem sei die einseitige Auswahl der Projekte wegen der
Motivation: Da ProgrammiererInnen programmieren, wählten sie in ihrer
Freizeit ausschließlich Projekte aus, die nur für
ProgrammiererInnen interessant seien. Deswegen gebe es in manchen
Kategorien (z.B. ``Text-Editor'') Hunderte von konkurrierenden
Open-Source-Programmen, in anderen wiederum gar keine.
Mit der wissenschaftlichen Gemeinschaft teilt die Open-Source-Entwicklung
das ``Nicht Hier Erfunden''-Syndrom (``Not Invented
Here''): Verwendbare Entwicklungen und Ergebnisse anderer Gruppen
werden nicht verwendet, gerade weil sie von anderen Gruppen (also nicht vom
eigenen ``Stamm'') kommen.
Laut Dr. Bezroukov würde der Erfolg eines Projekts auch dazu
führen, daß die LeiterInnen überfordert werden und
``ausbrennen''. Dies wäre nur mit einer strengen
hierarchischen Organisation und damit der Rückkehr zur
``Kathedrale'' handhabbar.
Ein wesentlicher Teil der Motivation sei auch, daß ein
``Feind'' existiert, dessen ``Zerstörung'' als
übergeordnetes Ziel hilft, die Gruppe trotz einzelner
unterschiedlichen Ansichten zusammenzuschmieden. Dieser Feind sei die Firma
Microsoft, und das Ziel, Microsoft zu schwächen, würde andere
Alliierte, die sich sonst nicht für Linux interessieren würden,
anlocken (so etwa IBM). Dies sei laut Dr. Bezroukov gefährlich, weil
die Software-Entwicklung sich dadurch aus der sicheren akademischen Ecke
auf ein gefährlicheres Feld, in den Kampf gegen einen
übermächtigen Gegner begebe.
Für die Akzeptanz des Papers waren die persönlichen Angriffe auf
Raymond wahrscheinlich nicht sehr hilfreich, wie schon gesagt. Häufig
wurde auch die Argumentationsführung kritisiert: währen CatB wenigstens beschreibt, wie von einem beobachteten
Beispiel (Linux) Theorien abgeleitet und erfolgreich auf fetchmail
angewendet werden, seien in Dr. Bezroukovs Werk keinerlei empirische Belege
vorhanden. In manchen Fällen (Konflikte, burn-out etc.) ignoriere er
sogar die Realität der Projekte.
Eric S. Raymond selbst beschreibt in seinem ``A Response to Nikolai
Bezroukov''15 (neben seiner Aufregung über den Vorwurf,
``Vulgärmarxist'' zu sein), daß Dr. Bezroukovs Paper
nicht wirklich zur Debatte beitrage: Im ersten Teil des Papers würden
Dinge in CatB hineininterpretiert, die nicht
drinnen stehen, und im Rest nur neue Probleme auf nicht sehr originelle
Weise angesprochen, die aber CatB nicht
wiederlegten, weil sie sich gar nicht damit beschäftigen. Raymond
wirft Bezroukov daher vor, eine künstliche Kontroverse erzeugt haben,
nur um das eigene Paper zu promoten.
3.1.2 A Second Look at the
Cathedral and the Bazaar
Als Reaktion auf die Erscheinung von CatB in
Buchform publizierte Dr. Bezroukov auf First Monday seine zweite, diesmal
genauer fokussierte Kritik von ``The Cathedral and the
Bazaar''.
Das Paper [Bez99b] beginnt mit
einer Aufzählung der Kernideen von CatB, die
in die ``open source folklore'' eingegangen sein sollen, und
seitdem als richtig vorausgesetzt werden.
Über die Annahme ``Brooks' Law gilt nicht für
internet-basierte Entwicklung'' schreibt Dr. Bezroukov, daß
die Vorstellung, Internet-Zugriff könnte die Leistung von
EntwicklerInnen-Gruppen beeinflussen, naiv sei. Er glaubt (``I
believe...''), daß diese ``Illusion'' bei solchen
Projekten entstehen kann, die bereits funktionsfähige Prototypen haben
und bei denen alle Architektur-Fragen bereits gelöst sind. Weiters
drückt er seine Hochachtung vor ``The Mythical Man-Month''
aus, und befürchtet, daß CatB Leute
dazu verleiten könnte, dieses viel wichtigere (``by several orders of
magnitude more important than CatB'' [Bez99b]) Werk nicht zu lesen.
Zur Idee ``Mit genug Augen sind alle Fehler leicht zu finden''
meint er, daß sie zwar nicht durch den Linux-Kernel, aber komplette
Linux-Distributionen (die aber aus mehrere hundert mal so viel Software
bestehen) widerlegt werden. Weiters fragt er, ob die verteilte Fehlersuche
die beste Möglichkeit ist, die Zeit talentierter EntwicklerInnen zu
nützen. Mit einem Zitat von Ken Thompson, der am Anfang der 70er Jahre
das Original-Unix mitentwickelt hat, argumentiert Dr. Bezroukov, daß
Linux technisch überhaupt schlecht und fehlerhaft sei. (Thompson ist
allerdings kein Linux-Experte, und er arbeitet an einem Konkurrenzsystem.)
Die Position, daß Linux instabil und fehlerhaft sei, wird
übrigens in der Industrie nicht gerade von Konsens getragen; sogar der
größte Konkurrent Microsoft gab intern zu [Val98], daß Linux den eigenen
Produkten in Leistung und Zuverlässigkeit zu der Zeit überlegen
war. (In vielen anderen Texten Bezroukovs auf softpanorama.org ist das
Motiv ``Linux ist schlechter als Solaris oder FreeBSD oder
OpenBSD'' [andere Betriebssysteme] zu finden.)
Die Vorstellung, daß Linux zum Bazar-Modell gehöre, ist für
Dr. Bezroukov zu sehr vereinfacht. Es gäbe auch Aspekte, die eher
``kathedralen-ähnlich'' seien, so wie bei den meisten anderen
Open-Source-, aber auch proprietären Software-Projekten. Dies wird
durch Aussagen von führenden Entwicklern der Kernel von Linux und
FreeBSD und weiteren Experten belegt.
Die idealisierte Aussage, daß das Open-Source-Entwicklungsmodell
automatisch die besten Resultate erbringe, versucht Dr. Bezroukov durch
seine eigene Erfahrung mit einer Gruppe von Programmen, die er jahrelang
beobachtet hat (``Orthodoxe Dateimanager'') zu belegen, wo keine
signifikanten Qualitätsunterschiede zwischen Open- und
Closed-Source-Vertreter zu bestehen scheinen.
Zum Thema ``was ist wirklich neu am Entwicklungsmodell von Linux?''
gibt Dr. Bezroukov zu bedenken, daß sehr ähnliche
Entwicklungsmuster schon in den 80er Jahren bei anderen Freien
Softwareprojekten (dem Übersetzerprogramm ``gcc'' und dem
Texteditor ``EMACS'') zu beobachten waren und Linux nur eine
verbesserte Version davon, aber keine Revolution darstelle. Außerdem
sei die Menge der Quelltexte bei größeren Projekten schon ein
ähnliches Hindernis wie die Nichtverfügbarkeit des Sourcecode bei
proprietärer Software.
Der zweite Teil von ``A Second Look at the Cathedral and Bazaar''
beschäftigt sich mit dem Thema ``Status-Wettkämpfe in
internetbasierten EntwicklerInnen-Gruppen'', vor allem mit
Kommunikationsproblemen. (Hier verläßt also auch Dr. Bezroukov
sein Feld, die Informatik.) Raymond wird vorgeworfen, sich zu wenig mit der
reichlich vorhandenen bestehenden Literatur beschäftigt zu
haben.
Die Kommunikationsprobleme werden mit Zitaten von Linux-Kernel-Entwicklern
und aus der soziologischen Literatur belegt, und Vergleiche mit schlechten
Tendenzen im ``peer review''-Prozeß der Wissenschaft
aufgestellt.
Dr. Bezroukovs Fazit ist, daß das Bazar-Modell keine Vorhersagekraft
für die positiven und negativen Punkte der
Open-Source-Softwareentwicklung habe. Ihm zufolge sei der Vergleich mit der
akademischen Gemeinschaft eine viel bessere Erklärung des
Phänomens.
Im ``Second Look'' springen die eingestreuten Zitate ziemlich
deutlich ins Auge. Es handelt sich unter anderem um ein Zitat von Friedrich
Nietzsche (``Die häufigste Lüge ist es, sich selbst zu
belügen...''), eines von Albert Einstein über die
unendliche menschliche Dummheit und andere, die nicht wirklich den Text
unterstützen, aber die in ihrem Umfeld dargestellten Leute (vor allem
Eric S. Raymond) in ein schlechtes Licht bringen. Die wichtigsten Aussagen
von CatB werden, obwohl das deklarierte Ziel des
Papers genau das ist, nicht glaubwürdig und über alle Zweifel
erhaben widerlegt.
4 Schlußfolgerungen
Freie bzw. Open-Source-Software ist zwar ein mehrere Jahrzehnte altes
Phänomen, die wissenschaftliche Beschäftigung damit kann aber nur
auf 5 Jahre zurückblicken. Dieses Feld wurde also erst vor sehr kurzer
Zeit erschlossen, die Entwicklung der Argumente und Methoden ist also --
auch weil fast alles im Internet dokumentiert ist -- leicht zu beobachten.
Diese (wegen der Einschränkungen einer Seminararbeit notwendigerweise
kurze) Beschäftigung mit den zwei wichtigsten Linien der Argumentation
sollte zeigen, wie ein ziemlich neues, interdisziplinäres
wissenschaftliches Feld anfangs erschlossen wurde.
Eric S. Raymonds Konzept von der Besetzung der Noosphäre gilt
interessanterweise auch für seine Publikationen: diese (vor allem
``The Cathedral and The Bazaar'') haben auch ein neues Gebiet
für die wissenschaftliche Beschäftigung, aber auch für ein
breites Publikumsinteresse erschlossen. Die Nachkommenden (hier Dr.
Bezroukov) mußten sich auf einem Teil dieses Gebietes positionieren
und ihre ``Grenzen'' markieren.
Für diese Erschließung der unbesetzten Teile war es, wie ich
gezeigt habe, nur teilweise notwendig, streng wissenschaftlich zu
argumentieren (Zitate, empirische Belege etc.) -- wichtiger war eine
überzeugende Darstellung. CatB ist trotz der
bei näherer Betrachtung nicht genau abgesicherten Argumentation und
der häufigen narrativen Elemente ein unvermeidlicher Bezugspunkt
für spätere Werke und wird es wahrscheinlich für lange Zeit
bleiben. Der große Erfolg und die enorme Wirkung der Publikation
färben auf die frühen Nachfolger ab, die sich vor allem mit der
Positionierung gegenüber dem ``Standardwerk''
beschäftigen, weniger mit der Stärke der wissenschaftlichen
Argumente.
Mit der Zunahme der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Thema hat
sich der Ton der Veröffentlichungen erkennbar an die Spielregeln der
herkömmlichen Wissenschaft angenähert: das ist z.B. in den online
publizierten Papers16 auf der ``Free/Open Source Research
Community''-Seite des Massachusetts Institute of Technology zu
sehen. Sie werden großteils an Universitäten oder
Forschungseinrichtungen geschrieben; enthalten ``korrekte'',
``wissenschaftliche'' Zitierweisen und viel Literatur; diskutieren
ihre Methoden und sie konzentrieren sich -- anders als etwa CatB -- auf einzelne Aspekte.
In den Zitaten nehmen Eric S. Raymonds Arbeiten eine zentrale Position ein:
kein Paper, das ich gesehen habe, kommt ohne Bezug auf ihn aus. So wird
sein Werk in einer Weise für die Wissenschaft
``legitimiert''.
References
- [Bez99a]
- Bezroukov, Dr. Nikolai: Open Source
Software Development as a Special Type of Academic Research (Critique of
Vulgar Raymondism). First Monday, 4(10), 1999. http://www.firstmonday.org/issues/issue4_10/bezroukov/index.html.
- [Bez99b]
- Bezroukov, Dr. Nikolai: A Second
Look at the Cathedral and the Bazaar. First Monday, 4(12), 1999. http://www.firstmonday.org/issues/issue4_12/bezroukov/index.html.
- [Ray99a]
- Raymond, Eric S.: The Cathedral
& the Bazaar, The Cathedral and the Bazaar, 27.
O'Reilly, 1999.
- [Ray99b]
- Raymond, Eric S.: The Cathedral
& the Bazaar, Homesteading the Noosphere, 79. O'Reilly,
1999.
- [Ray99c]
- Raymond, Eric S.: The Cathedral
& the Bazaar, The Magic Cauldron, 137. O'Reilly, 1999.
- [Val98]
- Valloppillil, Vinod: Open Source
Software: A (New?) Development Methodology. 1998. Interne
Microsoft-Memo, die später unter der Hand an Eric S. Raymond
weitergegeben wurde, der sie mit eigenen Kommentaren versehen
veröffentlicht hat: http://www.opensource.org/halloween/halloween1.html.
- 1
- Das Wort ``Hacker'' wird in den Medien anders verwendet,
nämlich als ``jemand, der/die in fremde Computersysteme
einbricht''. Die korrekte Bezeichnung dieser Leute ist
``Cracker''.
- 2
- Diese Informationen stammen von seiner Lebenslauf-Seite: http://www.tuxedo.org/~esr/resume.html.
- 3
- http://firstmonday.org/idea.html
- 4
- http://www.tuxedo.org/~esr/writings/cathedral-bazaar/
- 5
- http://www.firstmonday.org/issues/issue3_3/raymond/
- 6
-
http://www.redhat.com/support/wpapers/community/cathedral/whitepaper_cathedral.html
- 7
- Beta-Test: Test der Entwicklungsversion einer Software, von der noch
bekannt ist, daß sie Fehler hat
- 8
- Joe Barr: MPlayer: the project from hell. LinuxWorld, 2001-12-17
http://www.linuxworld.com/site-stories/2001/1214.mplayer.html
- 9
- Eric S. Raymond (Hrsg.): the Jargon File. http://tuxedo.org/~esr/jargon/html/
- 10
- (``tragedy of the commons''): wenn eine Weidefläche von
den Kühen mehrerer Eigentümer benützt wird, sind diese daran
interessiert, möglichst früh möglichst viele Kühe
weiden zu lassen, solange eben die Ressourcen (das Gras) halten. Dadurch
wird die Fläche aber schnell unbrauchbar und alle verlieren. Gäbe
es eine Übereinkunft über die Benutzung, könnte ein
Gleichgewicht behalten werden.
- 11
- http://www.tuxedo.org/~esr/writings/cathedral-bazaar/
- 12
- Selected Papers of Dr. Nikolai Bezroukov
http://www.softpanorama.org/Articles/index.shtml
- 13
- http://www.softpanorama.org/
- 14
- http://www.softpanorama.org/OSS/Bla_faq/vulgar_marxism.shtml
- 15
- http://www.firstmonday.org/issues/issue4_11/raymond/index.html
- 16
- http://opensource.mit.edu/online_papers.php
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LATEX by HEVEA.